McLaren F1 GT
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F1 GT

McLaren F1 GT: Der Heilige Gral der Homologation

Der McLaren F1 von Gordon Murray ist weithin als der größte Supersportwagen des 20. Jahrhunderts anerkannt. Er revolutionierte den Leichtbau, führte das zentrale Fahrer-Layout ein und sicherte sich den Titel des schnellsten Saugmotor-Autos der Welt. Doch die Geschichte des F1 endete nicht mit dem ursprünglichen Straßenauto. Sie eskalierte auf den Rennstrecken der Welt.

Als McLaren 1995 (völlig unerwartet) mit dem F1 GTR die 24 Stunden von Le Mans gewann, war die Konkurrenz geschockt. Porsche und Mercedes-Benz antworteten in den folgenden Jahren mit radikalen, speziell für die GT1-Klasse gebauten Prototypen (dem 911 GT1 und dem CLK GTR), die die Regeln der Straßenzulassung bis an die absolute Schmerzgrenze bogen. Um gegen diese neuen, hochspezialisierten “Homologations-Specials” bestehen zu können, musste McLaren den F1 GTR für die Saison 1997 massiv aerodynamisch modifizieren.

Das Ergebnis war der F1 GTR “Longtail”. Durch ein drastisch verlängertes Heck und eine längere Nase generierte der Rennwagen enormen aerodynamischen Abtrieb, um in schnellen Kurven mit Porsche und Mercedes mitzuhalten.

Doch das Reglement der FIA forderte, dass von jedem Rennwagen in der GT1-Klasse eine straßenzugelassene Version existieren musste. McLaren musste also beweisen, dass der “Longtail” kein reiner Rennprototyp war, sondern auf einem Straßenauto basierte. Aus diesem bürokratischen Zwang heraus entstand eines der seltensten, begehrtesten und aerodynamisch extremsten Automobile der Geschichte: der McLaren F1 GT.

Das Design: Der Longtail für die Straße

Der F1 GT war im Grunde ein F1 GTR Longtail im Maßanzug. Die Mission von Gordon Murray und seinem Team war es, die extremen aerodynamischen Modifikationen des Rennwagens auf eine straßentaugliche Kohlefaser-Karosserie zu übertragen, ohne den puristischen Charakter des ursprünglichen F1 völlig zu zerstören.

Die optischen Veränderungen gegenüber einem Standard-F1 waren dramatisch und rein funktional getrieben:

  • Die Nase (Front): Der Vorderwagen wurde deutlich verlängert und abgeflacht, um die aerodynamische Balance zu verbessern und größeren Anpressdruck auf der Vorderachse zu generieren. Die vorderen Radhäuser wurden stark ausgestellt (die Spurweite war deutlich breiter) und auf der Oberseite der Kotflügel befanden sich markante, lamellenartige Luftauslässe (“Louvers”), die den gefährlichen Überdruck (Auftrieb) in den Radhäusern bei über 300 km/h abbauten.
  • Die Flanken: Um die gewaltigen Hinterreifen unterzubringen, war das Auto im Heckbereich wesentlich breiter. Die Seitenschweller waren massiver und die Lufteinlässe zur Kühlung des V12-Motors wurden vergrößert.
  • Das Heck (Der Longtail): Dies ist das Herzstück des F1 GT. Das Heck des Autos wurde um gut 60 Zentimeter extrem in die Länge gezogen. Dieses verlängerte, sich verjüngende Heckdesign (Longtail) veränderte die Strömung der abbrechenden Luftmasse hinter dem Auto drastisch. Es reduzierte den Luftwiderstand (Drag) massiv und schuf einen enorm stabilisierenden Effekt bei Höchstgeschwindigkeit.

Interessanterweise verzichtete der F1 GT (im Gegensatz zum F1 LM oder dem GTR-Rennwagen) auf einen großen, feststehenden Heckflügel. Die extrem ausgefeilte Aerodynamik des Longtails und der gewaltige Unterbodendiffusor reichten völlig aus, um bei weit über 300 km/h enormen Abtrieb zu erzeugen, während das cleane Profil des Wagens gewahrt blieb.

Das Herzstück: Der legendäre BMW-S70/2-V12

Während die Aerodynamik völlig neu war, vertraute McLaren beim Antrieb auf das, was den F1 erst zur Legende gemacht hatte: den von Paul Rosche (BMW Motorsport) meisterhaft konstruierten V12-Saugmotor.

Der 6,1-Liter-V12 (6.064 ccm), intern als S70/2 bezeichnet, war ein Wunderwerk der Mechanik. Er verfügte über einen Zylinderbankwinkel von 60 Grad, vier obenliegende Nockenwellen, eine stufenlose Nockenwellenverstellung (VANOS) und eine Trockensumpfschmierung, die es erlaubte, den Motor extrem tief im Kohlefaser-Chassis zu platzieren. Um das Gewicht zu senken, wurden Magnesiumguss für Ölwanne und Zylinderkopfdeckel verwendet.

Eine der berühmtesten Anekdoten der Automobilgeschichte: Um die enorme Abwärme des Motors vom empfindlichen Carbon-Monocoque abzuschirmen, war der gesamte Motorraum des F1 (und auch des F1 GT) mit rund 16 Gramm reinem, reflektierendem Gold ausgekleidet.

Die Leistungsdaten des F1 GT entsprachen exakt denen des originalen Straßenautos (und waren damit absurderweise deutlich höher als die des GTR-Rennwagens, der durch FIA-Luftmengenbegrenzer auf knapp 600 PS gedrosselt war).

Der V12-Saugmotor produzierte mächtige 627 PS (461 kW) bei 7.400 U/min und ein maximales Drehmoment von 650 Nm bei 5.600 U/min. Die Kraftübertragung auf die massiven Hinterreifen erfolgte über ein kompaktes, quer eingebautes 6-Gang-Schaltgetriebe mit einer kleinen, extrem robusten AP-Racing-Kohlefaserkupplung (und einem Torsen-Sperrdifferenzial).

Fahrwerk und Leichtbau: Gordon Murrays Obsession

Der F1 GT nutzte dasselbe bahnbrechende Kohlefaser-Monocoque, das den F1 1992 zum ersten Serienauto der Welt mit dieser Technologie gemacht hatte.

Obwohl der F1 GT durch das deutlich vergrößerte Heck und die breitere Karosserie mehr Oberfläche besaß, war der Gewichtszuwachs im Vergleich zum Standard-F1 marginal. Das Trockengewicht lag bei extrem leichten 1.140 Kilogramm (etwa 20 kg mehr als ein normaler F1). Damit lag das Leistungsgewicht des F1 GT bei unglaublichen 1,81 kg/PS – ein Wert, der selbst zwei Jahrzehnte später von Bugatti oder Lamborghini kaum erreicht wurde.

Das Fahrwerk (doppelte Querlenker rundum aus Aluminium) wurde an die extrem breite Spurweite und die massiv gestiegene aerodynamische Belastung angepasst. Wie alle McLaren F1 verzichtete auch der GT völlig auf elektronische Helfer: Es gab keine Servolenkung, keinen Bremskraftverstärker, keine Traktionskontrolle und kein ABS. Der Fahrer war auf der Rennstrecke völlig auf sich allein gestellt. Gebremst wurde über massive, belüftete Brembo-Bremsscheiben, die im Notfall Oberschenkelkraft wie in einem Rennwagen erforderten.

Leistung: Aerodynamische Höchstgeschwindigkeit

Die Kombination aus 627 PS Saugmotor-Power, minimalem Gewicht und dem deutlich geringeren Luftwiderstand des Longtail-Designs machte den F1 GT zum vielleicht stabilsten und berechenbarsten F1 bei extremen Geschwindigkeiten.

  • Beschleunigung 0-100 km/h (62 mph): ca. 3,2 Sekunden (limitiert ausschließlich durch die Traktion der Hinterreifen aus dem Stand).
  • Höchstgeschwindigkeit: Die theoretische Höchstgeschwindigkeit des F1 GT war dank der aerodynamischen Optimierung auf über 386 km/h (240 mph) berechnet, wobei das Auto bei diesem Tempo (im Gegensatz zum Standard-F1) absolut stoisch und sicher auf der Straße gelegen hätte.

Das Fahrerlebnis war von der einzigartigen, zentralen Sitzposition geprägt. Der Fahrer saß exakt in der Mitte des Wagens (mit zwei leicht nach hinten versetzten Beifahrersitzen links und rechts), was eine perfekte Gewichtsverteilung, eine symmetrische Sicht auf Kurvenscheitelpunkte und ein Formel-1-ähnliches Gefühl garantierte.

Exklusivität in Reinkultur: Nur drei Exemplare

Der McLaren F1 GT ist der absolute Gipfel der automobilen Exklusivität.

Um die FIA-Vorschriften für die Homologation des GTR Longtail-Rennwagens zu erfüllen, reichte es McLaren kurioserweise, lediglich ein einziges straßenzugelassenes Fahrzeug zu bauen. Dieser Prototyp (Fahrgestellnummer 56XG0) trägt den Namen “XPGT” und zeichnet sich durch seine extrem dunkle, aubergine-grüne Lackierung (“Dark Green”) und sein rotes Interieur aus. McLaren bewahrt dieses unschätzbar wertvolle Auto (das Gordon Murray persönlich gehört haben soll) bis heute streng in der eigenen Heritage-Sammlung in Woking auf.

Trotzdem baute McLaren zwei weitere Fahrzeuge auf speziellen Kundenwunsch (Fahrgestellnummern 54F1GT und 58F1GT), da die Nachfrage von extrem wohlhabenden Sammlern gewaltig war.

  • Einer wurde schwarz lackiert (“Black”) und ging ursprünglich nach Japan.
  • Der andere war bordeauxrot (“Burgundy”) und ging an den Sultan von Brunei.

Es existieren also weltweit nur drei Exemplare des McLaren F1 GT.

Der F1 GT ist mehr als nur ein seltenes Auto. Er ist ein direktes Verbindungsglied zwischen der absoluten Dominanz im Le-Mans-Motorsport der 90er Jahre und dem radikalsten Supersportwagen des 20. Jahrhunderts. Für Sammler ist der F1 GT der ultimative Heilige Gral – ein Fahrzeug, dessen Marktwert heute (sofern überhaupt jemals eines der drei Exemplare verkauft werden sollte) zweifellos im sehr hohen, zweistelligen Millionenbereich liegen würde. Er ist die Vollendung von Gordon Murrays Vision.