McLaren Elva: Der ungefilterte Sturm
Kein Dach. Keine Seitenfenster. In seiner reinsten Konfiguration nicht einmal eine Windschutzscheibe. Ende 2019 präsentierte McLaren das fünfte Modell seiner Ultimate Series: den McLaren Elva – eine Hommage an die offenen M1-Rennwagen der 1960er, nun mit 815 PS und einem aktiven Luftleitsystem statt Frontscheibe.
Der Elva ist eine Hommage an die extrem leichten, offenen Sportwagen (wie den M1A, M1B und M1C), die Bruce McLaren in den 1960er Jahren für den Gruppe-7-Rennsport entwarf (die damals oft in Zusammenarbeit mit der Firma Elva Cars gebaut wurden). Doch der moderne Elva geht in seiner Kompromisslosigkeit noch einen Schritt weiter: Er hat weder ein Dach, noch Seitenfenster und – in seiner reinsten Form – nicht einmal eine Windschutzscheibe.
Er ist ein Straßenauto, das seinen 815 PS starken Insassen das Gefühl vermittelt, auf der Nase eines Kampfjets festgeschnallt zu sein, der gerade den Nachbrenner zündet.
Die Magie der Unsichtbarkeit: AAMS (Active Air Management System)
Die offensichtliche Frage bei einem Auto, das über 320 km/h schnell fährt und keine Frontscheibe besitzt, lautet: Wie verhindert man, dass den Insassen bei diesem Tempo buchstäblich das Gesicht abgerissen wird oder sie ersticken?
Die Antwort ist die technologisch faszinierendste Innovation des Elva: das Active Air Management System (AAMS).
McLaren hat die Aerodynamik nicht genutzt, um den Luftwiderstand zu durchschneiden, sondern um eine unsichtbare Blase aus Luft zu erschaffen, die die Fahrerkabine wie ein Schutzschild umhüllt.
- Der Lufteinlass: Die extrem flache Frontschürze saugt bei Fahrtwind gewaltige Mengen an Luft ein.
- Die Kompression: Diese Luft wird im Fahrzeugbug durch ein System aus Kanälen und Kohlefaser-Deflektoren stark komprimiert und beschleunigt.
- Der Ausstoß: Ein großer, über die gesamte Breite der Fronthaube verlaufender Luftauslass schießt diesen komprimierten Luftstrom in einem steilen Winkel von 130 Grad (mit Überschallgeschwindigkeit) nach oben in den Himmel – direkt vor den Passagieren.
Dieser hochgeschwindigkeits-Luftvorhang (“Air Curtain”) zwingt den anströmenden Fahrtwind, förmlich über das Cockpit hinwegzuspringen. Fahrer und Beifahrer sitzen in einer relativen Ruhezone (einer aerodynamischen “Blase”). Das System ist voll aktiv: Bei langsamen Stadtfahrten bleibt der Kanal geschlossen (um die Kühlung der vorderen Radiatoren zu maximieren). Sobald die Geschwindigkeit jedoch steigt, fährt ein kleiner, 15 Zentimeter hoher Kohlefaser-Deflektor aus der Motorhaube aus, der den Luftvorhang präzise formt. (Erst ab sehr hohen Geschwindigkeiten auf der Rennstrecke empfehlen sich Schutzbrillen oder ein Helm, da Insekten von der Luftblase nicht zu 100 % abgelenkt werden können).
Für Märkte (wie bestimmte US-Bundesstaaten), in denen Autos ohne Windschutzscheibe illegal sind, bot McLaren den Elva später auch als “Windscreen-Version” an, bei der das AAMS durch eine herkömmliche beheizbare Glasscheibe (inklusive Scheibenwischern und Dachrahmen, aber ohne Dach) ersetzt wurde, was das Leergewicht allerdings um 20 Kilogramm erhöhte.
Das Herzstück: Der M840TR V8-Biturbo-Symphoniker
Um das Gefühl der Geschwindigkeit auf die Spitze zu treiben, verpflanzte McLaren die brachialste Ausbaustufe seines 4,0-Liter-V8-Biturbomotors (M840TR) in den Elva – das gleiche Triebwerk, das auch das Hypercar McLaren Senna befeuert.
Durch Modifikationen am Abgassystem (um den fehlenden Staudruck auszugleichen) und eine Neuprogrammierung des Motormanagements wurde die Leistung auf gewaltige 815 PS (599 kW) bei 7.500 U/min angehoben. Das maximale Drehmoment gipfelt bei 800 Nm (zwischen 5.500 und 6.700 U/min).
Da der Elva kein Dach oder dämmende Seitenscheiben besitzt, ist der Sound des V8-Motors ein elementarer Bestandteil des Fahrerlebnisses. Die Inconel- und Titan-Abgasanlage wurde komplett neu konstruiert. Sie ist extrem komplex und führt die Abgase durch vier Endrohre nach draußen: zwei klassische Rohre, die aus der unteren Heckblende (dem Diffusor) ragen, und zwei zusätzliche, nach oben (“Top-Exit”) gerichtete Rohre, die direkt auf dem hinteren Deck sitzen.
Diese Top-Exit-Rohre wurden von den Akustik-Ingenieuren speziell darauf abgestimmt, den hochfrequenten, heiseren, kreischenden Schalldruck des Flat-Plane-V8 direkt in die (nicht vorhandene) Kabine und an die Ohren der Insassen zu leiten. Der Sound beim harten Herunterschalten (Rev-Matching) des 7-Gang-Doppelkupplungsgetriebes (SSG) gleicht einem Gewehrschuss.
Konstruktion: Das leichteste Auto der modernen McLaren-Ära
Das Mantra “Simplify, then add lightness” wurde beim Elva radikaler umgesetzt als bei jedem anderen Auto der Ultimate Series. Das Ziel war es, ein fahrfertiges Gewicht von unter 1.200 Kilogramm zu erreichen.
Das Herzstück ist eine speziell für den Elva entwickelte Version des Carbon-Monocoques (Monocell II). Da es kein Dach, keine A-Säulen und keine Windschutzscheibe gibt, musste das Wannen-Chassis extrem versteift werden (insbesondere durch verstärkte Carbon-Schweller und Überrollbügel hinter den Sitzen), um die enorme Torsionssteifigkeit zu erhalten, für die McLaren bekannt ist.
Die gesamte Karosserie des Elva besteht aus nur drei massiven Kohlefaser-Bauteilen (einem Frontteil, den extrem langen Seitenteilen und einem einzigen, gewaltigen Heckteil, das die gesamten hinteren Kotflügel und die Motorabdeckung umfasst). Diese Konstruktion minimierte Fugen, sparte immens Gewicht und ermöglichte die radikalen, fließenden Kurven des Designs. Die Carbon-Türen (die spektakulär nach oben und vorne schwingen) sind die leichtesten, die McLaren jemals für ein Straßenauto gebaut hat.
Das Resultat dieser kompromisslosen Diät: Der Elva ist mit einem Trockengewicht von lediglich 1.148 Kilogramm der leichteste straßenzugelassene McLaren, der seit dem legendären F1 gebaut wurde.
Aerodynamik und Design: Verschmelzung von Innen und Außen
Das Designteam, angeführt von Rob Melville, erschuf mit dem Elva eine visuelle Skulptur. Da es kein Dach oder Glas gibt, existiert keine strikte Grenze zwischen dem Exterieur und dem Interieur. Die Karosserie fließt buchstäblich von den Kotflügeln in die Türverkleidungen und umschließt die Carbon-Sitze.
Die Sitze (aus extrem leichtem Kohlefaser-Gewebe) und das Lenkrad (ohne Knöpfe, dafür aber mit einer digitalen Instrumentenkuppel, die am Lenkstock mitlenkt) sind minimalistisch und auf den Fahrer zentriert. Die Mittelkonsole ragt frei schwebend zwischen Fahrer und Beifahrer auf und beherbergt den 8-Zoll-Touchscreen, der speziell auf extrem helle Sonneneinstrahlung und Resistenz gegen Regenwasser ausgelegt wurde (denn bei plötzlichem Regen wird man im Elva unweigerlich nass). Ein Fach hinter den Sitzen (unter den wunderschön integrierten Carbon-Höckern) bietet Platz für genau zwei maßgeschneiderte Helme.
Das Heck des Wagens wird von einem massiven, aktiven Heckflügel (aus Carbon) dominiert. Dieser ist unsichtbar in die Karosserie integriert und fährt bei hohen Geschwindigkeiten hydraulisch aus, um Abtrieb zu generieren, oder klappt beim Bremsen fast senkrecht auf, um als brutale Airbrake (Luftbremse) zu fungieren.
Leistung: Hypercar-Fahrwerte ohne Filter
Die Kombination aus 815 PS und einem extrem leichten Carbon-Chassis (Leistungsgewicht: absurde 1,4 Kilogramm pro PS) resultiert in Beschleunigungswerten, die den Magen der Insassen strapazieren:
- Beschleunigung 0-100 km/h: unter 2,8 Sekunden
- Beschleunigung 0-200 km/h: sagenhafte 6,7 Sekunden (Damit ist er schneller auf 200 km/h als das rennstreckenfokussierte Hypercar McLaren Senna).
- Höchstgeschwindigkeit: 326 km/h (202 mph)
Die Verzögerung aus diesen absurden Geschwindigkeiten übernehmen serienmäßig Sinter-Carbon-Keramik-Bremsen. Diese Technologie, die ursprünglich für den Senna entwickelt wurde, bietet eine gigantische Hitzetoleranz und eine absolut unerschütterliche Bremsleistung, was in Kombination mit den speziell gebackenen Pirelli P Zero Corsa Reifen (auf superleichten, geschmiedeten 5-Speichen-Rädern) zu G-Kräften beim Bremsen führt, die im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubend sind.
Exklusivität: Der radikalste Club der Welt
Ursprünglich plante McLaren, 399 Einheiten der extremen “Speedster”-Skulptur zu bauen. Aufgrund der einsetzenden COVID-19-Pandemie und der extrem begrenzten Nutzbarkeit eines solchen Autos für die Kunden (es erfordert trockenes Wetter, warme Temperaturen und ein hohes Maß an Leidensfähigkeit), wurde die Produktion auf exakt 149 Exemplare limitiert (und später auf Kundenwunsch in vielen Fällen auch mit Windschutzscheibe gebaut).
Der Basispreis lag bei rund 1,7 Millionen Euro (ohne Steuern und unzählige Optionen von MSO - McLaren Special Operations).
Der McLaren Elva ist ein Tribut an den reinen, ungeschützten Geschwindigkeitsrausch der 1960er Jahre. Er ist nicht das Auto, das man kauft, um am Nürburgring Rundenrekorde zu brechen oder am Wochenende zum Golfplatz zu cruisen. Er ist ein radikales, fehlerverzeihendes, unglaublich lautes und viszerales Erlebnis, das den Mythos von Bruce McLaren am Leben hält: Das Auto, das die Distanz zwischen dem Fahrer und dem Orkan der Geschwindigkeit auf ein absolutes Minimum reduziert.