McLaren 750S
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McLaren 750S: Die Evolution der Benchmark

Einen amtierenden König zu entthronen, ist schwer. Ihn jedoch abzulösen, wenn er aus dem eigenen Haus stammt und die Konkurrenz über Jahre hinweg deklassiert hat, ist eine immense ingenieurstechnische Herausforderung. Als McLaren 2017 den 720S vorstellte, war das Auto ein derartiger Quantensprung in Sachen Beschleunigung, Leichtbau und aerodynamischer Effizienz, dass es das gesamte Segment der Supersportwagen auf den Kopf stellte. Sechs Jahre lang blieb der 720S die unangefochtene Benchmark, an der sich Ferrari (F8 Tributo) und Lamborghini (Huracán EVO) die Zähne ausbissen.

Wie verbessert man also ein Auto, das ohnehin schon als nahezu perfekt galt? McLarens Antwort, die im Frühjahr 2023 präsentiert wurde, lautete nicht Revolution, sondern extrem tiefgreifende Evolution: der McLaren 750S.

Optisch mag der 750S seinem Vorgänger auf den ersten Blick verblüffend ähnlich sehen. Doch unter dem makellosen Carbon-Kleid verbergen sich Veränderungen an rund 30 Prozent aller Bauteile. Das Ziel war klar: Der 750S sollte noch leichter, noch reaktionsschneller, aerodynamisch effizienter und – was am wichtigsten war – emotionaler und involvierender zu fahren sein als der ohnehin schon brillante 720S. Er schlägt die Brücke zwischen dem fantastischen Alltags-Supercar 720S und dem kompromisslosen, furchteinflößenden Track-Tool 765LT.

Das Herzstück: Der M840T wird stärker und bissiger

Das Herz des 750S bildet weiterhin der bekannte und bewährte 4,0-Liter-V8-Biturbomotor (M840T) mit Flat-Plane-Kurbelwelle und Trockensumpfschmierung.

Die Ingenieure in Woking drehten jedoch an den entscheidenden Stellschrauben. Der Ladedruck der beiden Twin-Scroll-Turbolader wurde leicht angehoben. Der V8 erhielt leichtere Kolben aus dem radikalen 765LT, ein optimiertes Motormanagement und eine neue Hochleistungs-Kraftstoffpumpe.

Das Resultat ist eine Leistungssteigerung auf glatte 750 PS (552 kW) bei 7.500 U/min (30 PS mehr als im 720S) und ein massives maximales Drehmoment von 800 Nm bei 5.500 U/min.

Doch rohe Leistung ist nur die halbe Wahrheit. Um die Beschleunigung spürbar aggressiver und das Ansprechverhalten bissiger zu machen, veränderte McLaren die Übersetzung des 7-Gang-Doppelkupplungsgetriebes (SSG). Die Endübersetzung (Final Drive) wurde um beachtliche 15 Prozent verkürzt. Dadurch reißt der 750S die Gänge mit einer derart brutalen Vehemenz durch, dass die Insassen bei jedem Schaltvorgang gnadenlos in die Sitze gepresst werden.

Zudem wurde der Sound intensiv überarbeitet. Eine neue, zentral montierte Abgasanlage aus Edelstahl (die allein 2,2 kg Gewicht spart und optisch an den legendären McLaren P1 erinnert) lässt den V8-Biturbo deutlich heiserer, präsenter und emotionaler brüllen als im oft als etwas zu leise kritisierten 720S.

Der Feind ist das Gewicht: Radikaler Leichtbau

McLaren ist besessen vom Leichtbau, und beim 750S wurde diese Besessenheit auf die Spitze getrieben. Obwohl der 720S bereits das leichteste Auto seiner Klasse war, drückten die Ingenieure das Trockengewicht des 750S um weitere 30 Kilogramm auf unglaubliche 1.277 kg (in der leichtesten Konfiguration). Damit ist der 750S knapp 200 Kilogramm leichter als ein vergleichbarer Ferrari 296 GTB oder ein Lamborghini Huracán Tecnica.

Diese Diät wurde durch unzählige Detailverbesserungen erreicht:

  • Carbon-Schalensitze: Die neuen, serienmäßigen Carbon-Sitze sparen gewaltige 17,5 kg. Wer noch extremer sein möchte, kann die superleichten Sitze aus dem McLaren Senna bestellen (spart weitere 33 % Gewicht).
  • Felgen: Die neuen, geschmiedeten 10-Speichen-Räder sind die leichtesten Räder, die jemals serienmäßig an einem McLaren montiert wurden (Ersparnis: 13,8 kg an ungefederten Massen).
  • Fahrwerk: Neue Fahrwerksfedern und Dämpfer sparen weitere 2 kg.
  • Verglasung: Selbst die Windschutzscheibe wurde aus dünnerem Glas gefertigt (-1,6 kg).

Dieses fanatische Streben nach Leichtigkeit, kombiniert mit 750 PS, resultiert in einem Segment-dominierenden Leistungsgewicht von lediglich 1,7 kg/PS.

Fahrwerk: PCC III und die perfekte Lenkung

Das Fahrwerk des 750S profitiert von der neuesten Generation (PCC III) des hydraulisch vernetzten ProActive Chassis Control Systems, das mechanische Querstabilisatoren überflüssig macht.

McLaren hat die Abstimmung deutlich in Richtung Agilität verschoben. Die Federn an der Vorderachse sind 3 Prozent weicher (für besseres Einlenkverhalten und Komfort), während die hinteren Federn 4 Prozent härter abgestimmt wurden (für maximale Traktion und Stabilität unter Volllast). Die Spurweite an der Vorderachse wuchs um 6 Millimeter.

Das absolute Highlight des Fahrwerks ist jedoch die Lenkung. Entgegen dem Branchentrend hält McLaren eisern an einer elektrohydraulischen Lenkung fest. Sie wurde für den 750S mit einer noch schnelleren Lenkübersetzung versehen und liefert ein kristallklares, extrem detailliertes Feedback von der Straße, das rein elektrische Lenksysteme schlichtweg nicht replizieren können.

Um dieses Geschoss adäquat zu verzögern, nutzt der 750S serienmäßige Carbon-Keramik-Bremsen. Optional ist das gewaltige Bremsen-Upgrade aus dem McLaren Senna erhältlich (mit Monoblock-Sätteln und spezieller Scheibenkühlung aus der Formel 1), das für eine brachiale und fadingresistente Verzögerung auf Hypercar-Niveau sorgt (Der Bremsweg aus 200 km/h auf 0 beträgt lediglich 113 Meter).

Aerodynamik: Evolution der Augenhöhlen

Das Design des 750S wurde nur subtil, aber funktional verfeinert. Die charakteristischen “Augenhöhlen” (die tiefen Lufteinlässe, die die LED-Scheinwerfer umschließen) sind nun schmaler und lassen die Front aggressiver wirken. Der Frontsplitter wurde verlängert, um den Abtrieb (Downforce) an der Vorderachse auszubalancieren.

Die markanteste aerodynamische Neuerung ist jedoch der aktive Heckflügel aus Carbon. Er ist 20 Prozent größer als im 720S, durch neue Materialien aber 1,6 kg leichter. Dieser Flügel fungiert nicht nur als massiver Abtriebs-Generator in schnellen Kurven, sondern auch als DRS (Drag Reduction System) auf Geraden und als brutale Airbrake (Luftbremse), die beim harten Ankern in weniger als einer halben Sekunde steil nach oben klappt.

Der 750S Spider (das Cabriolet) nutzt das extrem steife Monocage II-S Carbon-Monocoque. Er kommt ohne jegliche zusätzliche Versteifungen aus und wiegt daher (inklusive des faltbaren Retractable Hard Top, RHT) nur 49 kg mehr als das Coupé, ohne Kompromisse bei der Steifigkeit oder Performance einzugehen.

Leistung: Hypercar-Schreck

Die Symbiose aus 750 PS, extremem Leichtbau, verkürzter Getriebeübersetzung und optimierter Aerodynamik gipfelt in Beschleunigungswerten, die den menschlichen Verstand fordern:

  • Beschleunigung 0-100 km/h: 2,8 Sekunden (eine Traktionsfrage für die angetriebenen Hinterräder).
  • Beschleunigung 0-200 km/h: 7,2 Sekunden (Coupé) bzw. 7,3 Sekunden (Spider). Ein Wert, der den 750S mühelos in das Territorium von Millionen teuren Hypercars katapultiert.
  • Höchstgeschwindigkeit: 332 km/h (206 mph)

Das Interieur: MCL und Fokus auf den Fahrer

Im Cockpit des 750S hat McLaren massiv auf Kundenfeedback reagiert. Das oft kritisierte, schwer zu bedienende Infotainment des Vorgängers wurde durch einen neuen, wesentlich reaktionsschnelleren zentralen Touchscreen mit Apple CarPlay abgelöst.

Das klappbare Instrumentendisplay des 720S (das im Track-Modus einklappte) wurde gestrichen (Gewichtsersparnis: 1,8 kg). Stattdessen nutzt der 750S eine feste, mitlenkende Instrumenteneinheit, die direkt auf der Lenksäule montiert ist (ähnlich wie im Artura).

Eine geniale Neuerung sind die an der Instrumentenhutze montierten “Wippen” zur Einstellung von Fahrwerk (Handling) und Antrieb (Powertrain). Der Fahrer kann nun zwischen den Modi Comfort, Sport und Track wechseln, ohne die Hände vom Lenkrad (das nach wie vor völlig frei von störenden Knöpfen ist) nehmen zu müssen.

Ebenfalls neu ist der MCL-Button (McLaren Control Launcher). Mit diesem Knopf kann der Fahrer seine persönliche Lieblingskombination aus Aero-, Handling-, Antriebs- und Getriebeeinstellungen speichern und per einfachem Tastendruck jederzeit blitzschnell abrufen. Zudem wurde das oft frustrierend langsame Front-Lift-System (um Bodenschwellen zu überqueren) optimiert: Es hebt die Nase nun in nur 4 Sekunden an (statt 10 Sekunden beim 720S).

Vermächtnis: Die Krönung einer Ära

Der McLaren 750S ist ein Meisterwerk der iterativen Ingenieurskunst. McLaren widerstand dem Drang, das Auto durch schwere Hybridtechnik oder Allradantrieb unnötig komplex zu machen. Stattdessen perfektionierten sie das Rezept des klassischen, extrem leichten Mittelmotor-Supercars mit Hinterradantrieb.

Er ist wohl der ausgereifteste, fahrbarste und gleichzeitig furchteinflößendste Super-Series-McLaren, der jemals gebaut wurde. Er liefert Hypercar-Performance im Alltag und verbindet den Fahrer dank seiner hydraulischen Lenkung und dem PCC-Fahrwerk so intim mit der Straße wie kein anderes Fahrzeug in seiner Klasse. Der 750S ist der absolute Beweis, dass stetige Evolution oft mächtiger ist als radikale Revolution.