Bugatti Tourbillon
Bugatti

Tourbillon

Bugatti Tourbillon: Eine mechanische Renaissance

Im Jahr 2005 definierte der Veyron die Leistung mit dem W16-Motor neu. Im Jahr 2016 perfektionierte der Chiron ihn. Im Jahr 2026 verabschiedet sich der Bugatti Tourbillon von ihm.

Der Tourbillon (benannt nach dem komplexen Mechanismus in hochwertigen Uhren, der der Schwerkraft entgegenwirkt) ist ein kompletter Neuentwurf. Er teilt keine Bauteile mit dem Chiron. Er ist Bugattis Antwort auf die Frage: Wie hält man den Verbrennungsmotor in einer elektrischen Welt relevant? Die Antwort lautet, den Motor in ein Kunstwerk zu verwandeln – etwas so Mechanisches, so Viszeral und so Komplexes, dass es zeitlos wird („Pour l’éternité”).

Das Herz: Cosworth V16

Die Entscheidung, den Quad-Turbo-W16 fallen zu lassen, war kontrovers. Turbolader sind ein einfacher Weg, Leistung zu erzeugen, aber sie dämpfen den Klang und stumpfen das Gaspedal-Ansprechverhalten ab. Für den Tourbillon wollte Bugatti Emotionen. Sie arbeiteten mit Cosworth, den legendären britischen Motorenbauern, zusammen, um etwas Beispielloses zu schaffen: einen Saugmotor V16.

Motor-Spezifikationen

  • Konfiguration: 90-Grad-V16
  • Hubraum: 8,3 Liter
  • Aufladung: Saugmotor (keine Turbos)
  • Drehzahlbegrenzung: 9.000 U/min
  • Gewicht: 252 kg (deutlich leichter als der W16)
  • Leistung: 1.000 PS (reine Verbrennung)

Dieser Motor ist ein Ungetüm. Er misst fast einen Meter in der Länge. Die Kurbelwelle allein ist ein Kunstwerk. Da er keine Turbos hat, ist das Gaspedal-Ansprechverhalten unmittelbar. Und der Klang? Er beginnt als tiefes Grummeln und steigt bei 9.000 U/min zu einem Formel-1-ähnlichen Kreischen an. Es ist wahrscheinlich der letzte große Verbrennungsmotor, der je entworfen wurde.

Die Hybridstrategie: Lücken füllen

Ein Saugmotor braucht Drehzahl, um Leistung zu erzeugen. Es fehlt ihm das Niederdrehmoment eines Turbomotors. Um dies zu lösen, integrierte Bugatti ein Hochleistungs-Hybridsystem, das von Rimacs Technologie abgeleitet ist (Bugatti ist nun Teil von Bugatti Rimac).

  • Vorderachse: Zwei Elektromotoren (einer pro Rad) für Torque Vectoring.
  • Hinterachse: Ein Elektromotor, im Getriebe montiert.
  • Batterie: Ein 25-kWh-800-Volt-ölgekühltes Akkupack, im Mitteltunnel untergebracht (wo beim Chiron das Getriebe saß).
  • Elektrische Leistung: 800 PS.
  • Gesamtsystemleistung: 1.800 PS.

Dieses Layout bietet das Beste aus beiden Welten. Die Elektromotoren liefern sofortiges, nackenschnallendes Drehmoment bei 0 U/min und katapultieren das Auto von der Stelle. Wenn die Geschwindigkeit steigt, erwacht der V16 und übernimmt, kreischend bis zur Höchstgeschwindigkeit. Es ermöglicht außerdem 60 km rein elektrische Reichweite, was bedeutet, dass man den Tourbillon lautlos durch Stadtzentren fahren kann, bevor man den V16 auf der Autobahn entfesselt.

Der „Skelett”-Innenraum: Schweizer Uhrmacherei

Der Innenraum des Tourbillon ist vielleicht sein meistdiskutiertes Merkmal. In einer Welt, in der jedes neue Auto nur ein riesiges iPad ist, das ans Armaturenbrett geklebt wird, ging Bugatti in die entgegengesetzte Richtung. Sie nennen es „Digital Detox”.

Bugatti-CEO Mate Rimac erkannte, dass Bildschirme in 5 Jahren veraltet aussehen. Eine mechanische Uhr sieht 100 Jahre lang schön aus. Daher verfügt der Tourbillon über fast keine sichtbaren Bildschirme.

Das Instrumentencluster

Das Instrumentencluster ist eine mechanische Skulptur, die von Schweizer Uhrmachern entworfen und gebaut wurde.

  • Materialien: Titan, Saphir und Rubin.
  • Bauteile: Über 600 einzelne Komponenten.
  • Gewicht: Das gesamte Cluster wiegt nur 700 Gramm.
  • Mechanismus: Das Lenkrad hat ein „Fixed Hub”-Design. Die Felge dreht sich, aber die mittlere Nabe (und das Instrumentencluster) bleibt stationär. Dadurch verdecken die Speichen niemals die Sicht des Fahrers auf die Instrumente.

Die Mittelkonsole

Die Mittelkonsole besteht aus Kristallglas und Aluminium. Man kann die tatsächlichen mechanischen Verbindungen der Schalter und Hebel sehen, die im Glas arbeiten. Das Starten des Motors erfordert das Ziehen eines mechanischen Hebels – eine physische Interaktion, die den Fahrer mit der Maschine verbindet.

Aerodynamik: Der Diffusortunnel

Der Tourbillon wirkt schlanker und tiefer als der Chiron. Dies liegt an einem neuen aerodynamischen Konzept, das um den Diffusor herum aufgebaut ist. Das Auto ist um einen massiven hinteren Diffusor gebaut, der von der Mitte des Chassis beginnt. Dieser Tunnel erzeugt eine Niederdruckzone, die das Auto an den Boden saugt. Der Effekt ist so wirkungsvoll, dass der Tourbillon keinen aktiven Heckflügel benötigt, um bei hohen Geschwindigkeiten stabil zu bleiben (obwohl er einen für Luftbremsung und extreme Manöver hat). Da der Diffusor den Abtrieb übernimmt, konnte die Oberfläche der Karosserie sauber und glatt gehalten werden, was die klassische Bugatti-„C-Linie” bewahrt.

Leistung: Physik verbiegen

Mit 1.800 PS und dem sofortigen Grip der Elektromotoren sind die Leistungsdaten des Tourbillon schwer zu begreifen.

  • 0-100 km/h: 2,0 Sekunden (Das ist F1-Gebiet).
  • 0-200 km/h: Unter 5 Sekunden.
  • 0-300 km/h: Unter 10 Sekunden (Der Chiron braucht 13+ Sekunden).
  • 0-400 km/h: Unter 25 Sekunden.
  • Höchstgeschwindigkeit: 445 km/h (276 mph).

Aber jenseits der Zahlen repräsentiert der Tourbillon eine neue Art, Hypercars zu bauen. Er beweist, dass man nicht zwischen der Seele eines Verbrennungsmotors und der Leistung eines elektrischen Antriebsstrangs wählen muss. Man kann beides haben. Man kann ein Auto haben, das schneller ist als ein Rimac Nevera, aber klingt wie ein F1-Wagen der 90er. Es ist eine Maschine, die nicht nur für Leistung, sondern für die Nachwelt konzipiert ist.

Vergleich: Tourbillon vs. die Konkurrenz

Um den Tourbillon wirklich zu würdigen, muss man sich ansehen, was sonst noch in der ultra-luxuriösen Hypercar-Stratosphäre verfügbar ist.

Tourbillon vs. Koenigsegg Jesko

Der Jesko ist der Hauptrivale des Tourbillon um die Höchstgeschwindigkeitskrone.

  • Motor: Der Jesko verwendet einen 5,0-Liter-Twin-Turbo-V8 gegenüber dem 8,3-Liter-Saugmotor-V16 des Tourbillon.
  • Getriebe: Der Jesko verfügt über das revolutionäre „Light Speed Transmission” (LST) mit 9 Gängen und praktisch null Schaltzeit. Der Tourbillon verwendet ein eher traditionelles 8-Gang-DCT.
  • Philosophie: Der Jesko ist eine rohe Ingenieurübung, die 300 mph (500 km/h) anstrebt. Der Tourbillon legt mehr Wert auf Luxus und das „Erlebnis” des V16.

Tourbillon vs. Pagani Utopia

Beide Autos lehnen die „Bildschirmifizierung” von Innenräumen ab, aber ihre Ansätze unterscheiden sich.

  • Pagani Utopia: Verwendet einen Twin-Turbo-V12 (Mercedes-AMG) und bietet ein manuelles Getriebe. Er ist rein analog, leichter, aber deutlich weniger leistungsstark (852 PS).
  • Bugatti Tourbillon: Umfasst Hybridtechnologie, um massive Leistung (1.800 PS) zu erzielen, während analoge Ästhetik für den Innenraum verwendet wird. Er ist deutlich schneller, aber auch schwerer und komplexer.

Die Zukunft von Bugatti

Der Tourbillon ist der erste Bugatti, der unter der neuen Bugatti-Rimac-Eigentümerschaft entstanden ist. Viele befürchteten, dass Mate Rimac, ein EV-Pionier, Bugatti zwingen würde, sofort vollständig auf Elektroantrieb umzusteigen. Stattdessen tat er das Gegenteil. Er drängte auf einen völlig neuen Verbrennungsmotor, selbst als Volkswagen ihn abschaffen wollte.

Dieses Auto sichert Bugattis Zukunft für das nächste Jahrzehnt. Es zeigt, dass es, während die Welt sich in Richtung Stille und Effizienz bewegt, noch immer einen Platz für Lärm, Vibrationen und mechanische Komplexität gibt – solange sie mit dem Maß an Kunstfertigkeit ausgeführt wird, das nur Bugatti liefern kann.