Noble M600
Noble

M600

Noble M600: Das furchteinflößende Analogon

Kein ABS. Kein ESP. Kein Stabilitätsprogramm irgendeiner Art. 650 PS, ein manuelles Getriebe und eine Kohlefaser-Karosserie. Der Noble M600, 2010 von einem kleinen Hersteller aus Leicestershire vorgestellt, war in einer Zeit, als McLaren und Nissan ihre Fahrer mit Software beschützten, eine bewusste Ablehnung dieses Trends.

Der M600 war das Gegenmittel zum klinischen Perfektionismus eines McLaren MP4-12C oder Nissan GT-R. Er bot keine wählbaren Fahrwerkseinstellungen, kein Touchscreen-Infotainment und, was am bemerkenswertesten war: kein ABS und kein ESP (elektronisches Stabilitätsprogramm). Er war ein 650 PS starker Verbrennungsmotor, der an ein manuelles Getriebe geschraubt und in eine leichte Kohlefaser-Karosserie gepackt wurde. Wer den M600 fuhr, brauchte entweder massives Talent oder eine sehr gute Lebensversicherung.

Das Herzstück: Ein schwedisch-japanischer V8-Biturbo

Wenn man als kleiner Kleinserienhersteller einen Motor für ein Hypercar benötigt, entwickelt man ihn selten selbst. Noble ging jedoch einen sehr unkonventionellen Weg. Anstatt auf einen klassischen amerikanischen V8 (wie den LS von Chevrolet) zurückzugreifen, kauften sie den 4,4-Liter-V8 (B8444S), der ursprünglich von Yamaha für den Volvo XC90 (einen Familien-SUV) und die S80-Limousine entwickelt worden war.

Dieser Motor war kompakt, extrem robust (mit einem Zylinderbankwinkel von 60 Grad, was ihn sehr schmal machte) und wurde von Yamaha mit feinstem japanischem Engineering konstruiert (DOHC, 32 Ventile).

Für den Einsatz im M600 schickte Noble diesen Volvo/Yamaha-Motor zum amerikanischen Tuning-Spezialisten Motorkraft (unterstützt von Judd). Die internen Komponenten wurden massiv verstärkt, und – das war der entscheidende Schritt – es wurden zwei Garrett-Turbolader mit maßgeschneiderten Ladeluftkühlern installiert.

Das Ergebnis dieser Transplantation war furchteinflößend. Der V8-Biturbo leistete in seiner stärksten Einstellung gewaltige 650 PS (485 kW) bei 6.800 U/min und ein Drehmoment von 818 Nm bei 3.800 U/min.

Der Sound war dabei völlig unerwartet: kein tiefes amerikanisches V8-Wummern, sondern ein heiseres, turbinenartiges Kreischen, das von einem massiven, furchteinflößenden Zischen und Schnattern der Turbolader-Wastegates (Blow-off-Ventile) beim Gaswegnehmen dominiert wurde.

Die Kraftübertragung: Das Adaptable Performance Control (APC)

Die schiere Gewalt von 650 PS auf der Hinterachse (ohne ESP) wäre für die meisten Fahrer unfahrbar gewesen. Daher integrierte Noble das sogenannte Adaptable Performance Control (APC) – ein System, das nichts anderes tat, als den Ladedruck der Turbolader (und damit die Motorleistung) über einen markanten Drehschalter in der Mittelkonsole zu regulieren.

Der Fahrer hatte drei Optionen:

  1. Road (Straße): Der Ladedruck wurde auf 0,6 bar begrenzt, was die Leistung auf relativ zahme 450 PS drosselte. In diesem Modus war die Traktionskontrolle zwingend aktiviert.
  2. Track (Rennstrecke): Der Ladedruck stieg auf 0,8 bar, was kräftige 550 PS freisetzte.
  3. Race (Rennen): Die volle Eskalation. Der Ladedruck stieg auf 1,0 bar, die vollen 650 PS rissen an der Kurbelwelle. Die Traktionskontrolle konnte in diesem Modus auf Wunsch komplett abgeschaltet werden.

Gekoppelt war der Motor an ein klassisches, hochgradig mechanisches 6-Gang-Schaltgetriebe von Yamaha (Graziano). Es gab keine automatisierten Schaltvorgänge. Der Fahrer musste über ein schwergängiges Kupplungspedal arbeiten, was das fahrerische Erlebnis noch intensiver und anspruchsvoller machte.

Leichtbau: Carbon und Stahl statt Aluminium

Während Konkurrenten auf Aluminium-Spaceframes setzten, baute Noble den M600 auf einem extrem verwindungssteifen Edelstahlrohrrahmen-Chassis auf (kombiniert mit Aluminiumblechen).

Über dieses Skelett spannten die Briten eine Karosserie, die vollständig aus Sichtcarbon (Kohlefaser-Verbundwerkstoff) gefertigt wurde. Jedes noch so kleine Karosserieteil wurde gebacken, was nicht nur für eine brutale Optik sorgte (viele Kunden bestellten das Auto in unlackiertem, klarlackiertem Carbon), sondern vor allem Gewicht sparte.

Das fahrfertige Leergewicht des M600 betrug sensationelle 1.198 Kilogramm. Kombiniert mit den 650 PS ergab dies ein Leistungsgewicht von unglaublichen 1,84 kg/PS – ein Wert, der ihn (zusammen mit dem fehlenden Gewicht elektronischer Fahrhilfen) direkt auf Augenhöhe mit dem Bugatti Veyron oder dem McLaren F1 brachte.

Fahrwerk: Analoges Feedback in Perfektion

Das Fahrwerk des Noble M600 war ein Meisterwerk der analogen Abstimmung. Es bestand aus doppelten Querlenkern rundum, passiven, einstellbaren Multimatic-Stoßdämpfern (ohne elektronische Härteverstellung) und mechanischen Stabilisatoren.

Die hydraulische Servolenkung war ein Gedicht. Sie bot ein derart kristallklares, ungefiltertes Feedback über den Straßenzustand und den Grip der Vorderräder, das in der Ära der elektrischen Lenkungen fast als ausgestorben galt. Das Auto ließ sich trotz seines puristischen Charakters erstaunlich komfortabel über Landstraßen federn, reagierte aber im Grenzbereich auf der Rennstrecke mit der nervösen Agilität eines Mittelmotor-Monsters.

Die größte Herausforderung für den Fahrer war jedoch das Bremsen. Noble verbaute zwar extrem kräftige Alcon-Stahlbremsscheiben (380 mm vorne, 350 mm hinten) mit 6-Kolben-Sätteln, verzichtete aber auf teure Carbon-Keramik-Scheiben – und vor allem auf ein Anti-Blockier-System (ABS). Trat der Fahrer bei hoher Geschwindigkeit zu hart aufs Pedal, blockierten die Vorderräder augenblicklich. Es erforderte das Feingefühl und die Technik (Cadence Braking) alter Rennfahrer, um das Auto am absoluten Limit zu verzögern.

Design: Unaufgeregte Aggressivität

Das Karosseriedesign des M600 war, im Gegensatz zu den exzessiven Keilformen der italienischen Konkurrenz, fast schon unauffällig elegant, wirkte jedoch durch die flache Silhouette und die massiven seitlichen Lufteinlässe dennoch brutal.

Die Front war geprägt von schlanken Scheinwerfern und großen Kühllufteinlässen für die Bremsen und Wasserkühler. Das Heck (das leicht an den McLaren F1 erinnerte) endete in markanten, doppelten runden Rückleuchten und zwei großen, hoch montierten Auspuffrohren, die direkt aus der Carbon-Motorabdeckung ragten. Ein massiver Carbon-Diffusor sorgte in Kombination mit dem flachen Unterboden für enormen aerodynamischen Abtrieb (Downforce) bei hohen Geschwindigkeiten, ohne dass ein auffälliger Heckflügel die Linie störte (ein dezenter, aktiver Spoiler fuhr nur bei sehr hohen Geschwindigkeiten aus).

Leistung: Dem Veyron auf den Fersen

Die Fahrleistungen des M600 waren 2010 schlichtweg furchteinflößend. Die Kombination aus niedrigem Gewicht, manuellem Getriebe und massiver Turbo-Power (die eine Gedenksekunde benötigte, bevor sie mit einem brutalen Schlag einsetzte) verlangte nach enormem Respekt:

  • Beschleunigung 0-100 km/h (62 mph): ca. 3,0 Sekunden (einzig limitiert durch das manuelle Schalten und die Traktion der Michelin Pilot Sport Reifen beim Anfahren).
  • Beschleunigung 0-160 km/h (100 mph): sensationelle 6,5 Sekunden.
  • Höchstgeschwindigkeit: 362 km/h (225 mph).

Auf der Strecke der britischen TV-Show Top Gear erwies sich der M600 (trotz fehlender Fahrhilfen und bei nassen Bedingungen) als extrem fähig und fuhr eine Rundenzeit, die schneller war als die des Bugatti Veyron und des Pagani Zonda F.

Ein Interieur für Piloten

Das Cockpit des Noble war, passend zum Charakter des Autos, funktional und fahrerzentriert, aber dennoch luxuriös verarbeitet. Es wurde vollständig in der winzigen Manufaktur in Leicestershire (England) von Hand gefertigt.

Verschwenderische Mengen an feinstem schottischem Leder, Alcantara und poliertem Aluminium dominierten den Innenraum. Das Lenkrad war völlig frei von Knöpfen, das Armaturenbrett analog (mit klassischen Rundinstrumenten von Jaeger). Ein Zugeständnis an die Moderne war das kleine Touchscreen-Navigationssystem in der Carbon-Mittelkonsole.

Das markanteste und berüchtigtste Detail des Interieurs war jedoch der Schalter für die Traktionskontrolle. Um sie zu deaktivieren (oder die Race-Modus-Schalter freizugeben), musste der Fahrer die Klappe eines echten Tornado-Kampfjet-Raketenabschussschalters hochklappen. Ein passenderes Symbol für das Entfesseln von 650 PS ohne ESP hätte Noble kaum finden können.

Exklusivität und das analoge Erbe

Der Noble M600 wurde nie in großen Stückzahlen produziert. Die extrem aufwendige Handarbeit (die Fertigung eines einzigen Autos dauerte oft mehrere Monate), der hohe Preis (rund 200.000 britische Pfund) und das fehlende Händlernetz führten dazu, dass nur eine stark limitierte Anzahl (schätzungsweise weniger als 30 Exemplare, plus einige wenige offene Speedster-Versionen) jemals gebaut wurde.

Der M600 ist kein Auto für den Boulevard oder für Poser. Er ist ein Auto für puristische Fahrer, die die Kunst des Fahrens (Heel-and-Toe-Schalten, Trail-Braking, Dosieren der Gasannahme bei Turboloch) noch beherrschen. Er war eines der allerletzten neu entwickelten Hypercars der Geschichte, das dem Fahrer die alleinige Verantwortung über Leben und Tod, Rundenzeit und Reifenverschleiß in die Hände legte. Der Noble M600 ist ein lauter, furchteinflößender und wunderschöner Dinosaurier der analogen Supersportwagen-Ära.