Maserati GranTurismo
Maserati

GranTurismo

Maserati GranTurismo: Eine Symphonie aus Modena

Jason Castriota zeichnete das Design für Pininfarina. Ferrari lieferte den V8. Und Maserati baute den GranTurismo von 2007 bis 2019 – zwölf Jahre lang, ohne dass ein Facelift die grundlegende Silhouette je antasten durfte, weil die Proportionen von Anfang an einfach stimmten.

Er war nicht der leichteste, nicht der stärkste und sicher nicht der modernste Sportwagen seiner Ära. Doch er besaß zwei Eigenschaften im Überfluss, die ihn für die unglaubliche Dauer von 12 Jahren (bis 2019) im Modellprogramm hielten und ihn zu einem der erfolgreichsten Maseratis aller Zeiten machten: ein Karosseriedesign, das zum Weinen schön war, und einen V8-Saugmotor, der klang, als hätten die Götter höchstpersönlich die Auspuffanlage gestimmt.

Das Design: Pininfarinas zeitloses Meisterwerk

Das Design des GranTurismo stammte aus der Feder von Jason Castriota, der damals für die legendäre Carrozzeria Pininfarina arbeitete. Das Ziel war es, ein Auto zu erschaffen, das die klassischen Proportionen eines GTs besaß, aber gleichzeitig muskulös und modern wirkte.

Das Ergebnis war ein absoluter Triumph der Formensprache. Mit einer Länge von fast 4,90 Metern war der GranTurismo ein imposantes Fahrzeug. Die extrem lange, flach abfallende Motorhaube endete in einem massiven, tief nach unten gezogenen konkaven Kühlergrill, in dessen Mitte stolz der große Maserati-Dreizack thronte. Dieser Grill war eine direkte optische Hommage an den legendären Maserati A6 GCS von 1953.

Die Flanken wurden von muskulösen, weit ausgestellten vorderen Kotflügeln dominiert, die durch drei ikonische seitliche Luftauslässe (“Portholes”) unterbrochen wurden. Eine schwungvolle Charakterlinie (die “Coke-Bottle”-Hüfte) zog sich bis über die massiven hinteren Radhäuser. Die C-Säule war breit und kräftig, während das Heck durch filigrane, dreieckige LED-Rückleuchten abgerundet wurde.

Das Geniale an diesem Design war seine Zeitlosigkeit. Selbst in seinem letzten Produktionsjahr (2019) wirkte der GranTurismo neben völlig neu entwickelten Konkurrenten nie veraltet. Er war und ist schlichtweg eines der schönsten Automobile des 21. Jahrhunderts.

Das Herzstück: Der Ferrari-F136-V8-Saugmotor

Unter der langen Motorhaube des GranTurismo verbarg sich der eigentliche Grund für den Kultstatus des Fahrzeugs: die F136-V8-Motorenfamilie, die in enger Zusammenarbeit mit Ferrari entwickelt worden war (ein ähnlicher Motor kam auch im Ferrari F430 zum Einsatz).

Doch im Gegensatz zu den rennsportorientierten Flat-Plane-Kurbelwellen von Ferrari nutzte Maserati im GranTurismo traditionelle Cross-Plane-Kurbelwellen. Dies veränderte den Charakter des Motors fundamental. Er war weniger spitz und aggressiv, dafür sonorer, bassiger und perfekt auf entspanntes, aber kraftvolles Cruisen ausgelegt.

Der V8-Saugmotor (mit Nasssumpfschmierung) wurde im Laufe der Jahre in zwei wesentlichen Hubraumvarianten angeboten:

  • GranTurismo (4,2 Liter): Das Basismodell (ab 2007) schöpfte 405 PS (298 kW) und 460 Nm Drehmoment aus 4,2 Litern Hubraum.
  • GranTurismo S / Sport / MC Stradale (4,7 Liter): Ab 2008 bot Maserati den auf 4,7 Liter vergrößerten V8 an. Dieser Motor leistete anfangs 440 PS und in späteren Entwicklungsstufen (im MC Stradale und Sport) bis zu 460 PS (338 kW) und 520 Nm Drehmoment.

Das absolute Alleinstellungsmerkmal dieses V8-Motors war sein Sound. Maserati verwendete eine pneumatische Bypass-Klappensteuerung im Auspuff. Bei niedrigen Drehzahlen grollte der V8 kultiviert, doch sobald die Klappen (im Sport-Modus oder über 3.000 U/min) öffneten, entlud sich ein ohrenbetäubendes, heiseres, tief bollerndes V8-Orchester, das bei jedem Herunterschalten durch aggressives Zwischengas-Spritzen untermalt wurde. Der Sound des GranTurismo gilt unter Enthusiasten bis heute als einer der besten jemals gebauten Serienauspuff-Klänge weltweit.

Getriebe: Transaxle-Perfektion und ZF-Wandler

Maserati experimentierte im Laufe der Bauzeit mit zwei völlig unterschiedlichen Getriebekonzepten, die den Charakter des Fahrzeugs maßgeblich prägten:

  1. Das automatisiertes Schaltgetriebe (MC Shift): Bei den frühen “S”-Modellen und dem extremen MC Stradale wurde ein automatisiertes 6-Gang-Schaltgetriebe verwendet. Dieses Getriebe war an der Hinterachse platziert (Transaxle-Layout) und über ein starres Rohr mit dem Motor verbunden. Das sorgte für eine exzellente Gewichtsverteilung (47 % vorne, 53 % hinten). Es ermöglichte extrem schnelle (ca. 100 Millisekunden im MC-Shift-Modus), aber oft sehr raue, fast schon brutale Gangwechsel.
  2. Die ZF-Wandlerautomatik (MC Auto Shift): Um den GranTurismo als echten GT für die Massen fahrbarer und komfortabler zu machen, wurde für die meisten Modelle (und später serienmäßig) ein klassisches 6-Gang-Automatikgetriebe von ZF verbaut. Dieses Getriebe saß direkt hinter dem Motorblock (Gewichtsverteilung 49 % vorne, 51 % hinten). Es schaltete seidenweich und bot dennoch durch eine exzellente Software-Abstimmung blitzschnelle, knackige Gangwechsel im Sport-Modus, inklusive rev-matching (Zwischengas) beim Herunterschalten.

Fahrwerk: Der fliegende Teppich aus Stahl

Der GranTurismo basierte auf einer verkürzten Plattform der großen Quattroporte-Limousine. Das Chassis bestand aus hochfestem Stahl, was das Fahrzeug extrem sicher und verwindungssteif, aber eben auch sehr schwer machte. Das Leergewicht des großen Wagens lag oft bei rund 1.880 bis 1.950 Kilogramm.

Trotz dieses massiven Gewichts fuhr sich der GranTurismo erstaunlich agil. Das lag vor allem an der Gewichtsverteilung (der Motor saß als Front-Mittelmotor komplett hinter der Vorderachse) und dem Skyhook-Fahrwerk. Das von Sachs entwickelte System nutzte Aluminium-Dämpfer, deren Härte durch ein Magnetfeld in Millisekunden stufenlos an die Fahrbahnbeschaffenheit und den gewählten Fahrmodus angepasst werden konnte. Der GranTurismo schluckte Bodenwellen majestätisch weg, ließ sich im Sport-Modus aber überraschend dynamisch durch enge Kurven zirkeln, auch wenn er die physikalische Trägheit von fast zwei Tonnen nie ganz verbergen konnte.

Leistung: Souverän, nicht brutal

Aufgrund seines Gewichts und der Auslegung als Gran Turismo war der Maserati nie das schnellste Auto an der Ampel.

  • Das 4.2-Liter Basismodell absolvierte den Sprint von 0 auf 100 km/h in 5,2 Sekunden (Top-Speed: 285 km/h).
  • Der stärkere 4.7-Liter GranTurismo Sport (460 PS) drückte diese Zeit auf 4,7 Sekunden und erreichte 298 km/h.
  • Die Speerspitze bildete der MC Stradale (Maserati Corse). Er war ein deutlich radikalerer, gewichtsreduzierter Zweisitzer (die Rückbank entfiel), der Carbon-Keramik-Bremsen, Semislick-Reifen, ein rennsportlicheres Fahrwerk und das harte Transaxle-Getriebe nutzte. Er beschleunigte in 4,5 Sekunden auf 100 km/h und durchbrach mit 303 km/h die 300er-Marke.

Im Jahr 2010 führte Maserati zudem das GranCabrio ein – die offene Version mit einem wunderschönen, klassischen Stoffverdeck, die das akustische Erlebnis des V8-Motors noch intensiver machte, wenn auch auf Kosten von etwas mehr Gewicht und minimaler Torsionssteifigkeit.

Ein Interieur für vier Erwachsene

Eines der größten Verkaufsargumente für den GranTurismo war sein Innenraum. Im Gegensatz zu vielen Konkurrenten (wie dem Porsche 911 oder dem Aston Martin DB9), die im Fond nur winzige Notsitze boten, war der Maserati ein echter Viersitzer. Selbst großgewachsene Erwachsene konnten auf den beiden hinteren Einzelsitzen erstaunlich komfortabel reisen.

Das Cockpit war von klassischem italienischem Luxus geprägt. Handvernähtes Poltrona Frau-Leder (oft in aufregenden Farben wie Rot, Cuoio oder Blau), Alcantara und Echtholz- oder Carbon-Applikationen dominierten den Innenraum. Zentral in der Mitte des Armaturenbretts prangte die traditionelle, ovale Maserati-Analoguhr.

Allerdings zeigte sich im Innenraum auch das fortschreitende Alter des Fahrzeugs am deutlichsten. Das Infotainmentsystem war schon früh veraltet, und viele Schalter (die aus dem Konzernregal von Chrysler oder Fiat stammten) entsprachen haptisch nicht immer dem exklusiven Preisschild. Erst ein spätes Facelift (2018) brachte ein modernes 8,4-Zoll-Touchdisplay mit Apple CarPlay in den Innenraum.

Vermächtnis: Ein würdevoller Abschied

Die Produktion des Maserati GranTurismo (und des GranCabrio) endete im November 2019, nachdem insgesamt beachtliche 40.000 Exemplare (über beide Karosserieformen hinweg) gebaut worden waren. Ein spezielles Einzelstück, der “Zéda” (lackiert in einem Farbverlauf von Blau über Schwarz zu Weiß), rollte als letztes Fahrzeug vom Band in Modena.

Der GranTurismo war über ein Jahrzehnt lang das Herz und die Seele von Maserati. Er war ein Dinosaurier – ein schwerer, saugmotor-befeuerter, von Hand gezeichneter GT in einer Ära, die zunehmend von Turbomotoren, Leichtbau und Digitalisierung besessen war. Er war nicht perfekt, aber er besaß einen unwiderstehlichen Charme, ein betörendes Design und einen V8-Soundtrack, der für immer in der Hall of Fame der Automobilgeschichte verweilen wird.