Lamborghini Reventón: Das Stealth-Flugzeug für die Straße
In der Historie von Automobili Lamborghini gibt es Serienfahrzeuge (wie den Gallardo oder Huracán), es gibt Flaggschiffe (wie den Murciélago oder Aventador) und es gibt eine sehr kleine, extrem exklusive Kategorie von Fahrzeugen, die Lamborghini selbst als “Few-Offs” (Sondermodelle in Kleinstserie) bezeichnet. Diese Fahrzeuge sind rollende Designstudien, Technologieträger und absolute Statussymbole für die loyalsten und wohlhabendsten Kunden der Marke.
Der Lamborghini Reventón war das Fahrzeug, das dieses überaus lukrative Geschäftsmodell für Lamborghini im 21. Jahrhundert begründete.
Enthüllt auf der IAA in Frankfurt im Jahr 2007, schlug der Reventón ein wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Er basierte technologisch vollständig auf dem V12-Flaggschiff Murciélago LP 640, doch optisch hatte er mit diesem so viel gemein wie ein Kampfjet mit einem Passagierflugzeug. Der Reventón war eine kompromisslose, furchteinflößende Fingerübung in Sachen Design, die die Formensprache von Lamborghini für das nächste Jahrzehnt (insbesondere für den späteren Aventador) massiv prägen sollte.
Benannt (wie immer) nach einem berühmten spanischen Kampfstier, der 1943 den berühmten Matador Félix Guzmán tötete, war der Reventón ein Auto, das so bedrohlich aussah, dass man instinktiv einen Schritt zurücktrat, wenn man davorstand.
Das Design: Inspiriert von F-22 Raptor Kampfflugzeugen
Die Anweisung an das Lamborghini Centro Stile (Designzentrum) in Sant’Agata Bolognese war eindeutig: Erschafft ein Fahrzeug, das aussieht wie ein Kampfflugzeug für die Straße.
Das Ergebnis war ein Meisterwerk des Brutalismus. Die gesamte Karosserie des Reventón, die fast ausschließlich aus Kohlefaser-Verbundwerkstoff (CFC) gefertigt war, bestand aus scharfen Kanten, extremen Winkeln und asymmetrischen Flächen. Das Design war stark von modernen Stealth-Fightern wie der Lockheed Martin F-22 Raptor inspiriert.
Jedes Detail des Reventón unterstrich dieses aeronautische Thema:
- Die Front: Die Nase des Fahrzeugs war geprägt von zwei massiven, pfeilförmigen Lufteinlässen, die die Kühlung der Karbon-Keramik-Bremsen dramatisch verbesserten. Die spitz zulaufende Fronthaube schien nahtlos in die flache Windschutzscheibe überzugehen.
- Die Farbe: Der Reventón war ausschließlich in einer einzigen, maßgeschneiderten Farbe erhältlich: Einem matten, leicht grünlich schimmernden Grau, das Lamborghini “Grigio Reventón” nannte. Diese matte Lackierung, die an die radarabsorbierende Beschichtung von Stealth-Jets erinnerte, besaß spezielle Metallpartikel, die ihr im direkten Sonnenlicht eine enorme optische Tiefe verliehen.
- Das Heck: Die Rückansicht wurde von einem gigantischen Carbon-Diffusor und einem zentral montierten, massiven Auspuffrohr dominiert. Die LED-Rückleuchten zeigten erstmals das Y-förmige Licht-Signatur-Design (Ypsilon), das später zum Markenzeichen aller modernen Lamborghinis (Aventador, Huracán, Urus) werden sollte.
- Die Felgen: Selbst die Alufelgen (mit Carbon-Finnen zur verbesserten Bremskühlung) waren asymmetrisch gestaltet.
Trotz des völlig neuen Designs blieb der Reventón den legendären Proportionen und den ikonischen Scherentüren treu, die Ferruccio Lamborghini einst etabliert hatte.
Das Herzstück: Der 6,5-Liter-Bizzarrini-V12
Unter der extremen Karosserie pochte das mechanische Herz des Murciélago LP 640. Der legendäre, von Giotto Bizzarrini in seinen Grundzügen entworfene V12-Saugmotor mit vier obenliegenden Nockenwellen (DOHC) wurde für den Reventón nur minimal modifiziert.
Der Hubraum betrug 6,5 Liter (6.496 ccm). Durch eine leichte Optimierung der variablen Ventilsteuerung und des Motormanagements stieg die Leistung marginal auf 650 PS (478 kW) bei ohrenbetäubenden 8.000 U/min (10 PS mehr als im Standard-LP 640). Das maximale Drehmoment blieb bei gewaltigen 660 Nm bei 6.000 U/min.
Die Kraftübertragung erfolgte über das automatisierte 6-Gang-Schaltgetriebe (E-Gear) und den permanenten Allradantrieb mit Viscokupplung, der bis zu 30 % der Kraft an die Vorderachse leiten konnte, um das wuchtige Fahrzeug auch im Grenzbereich beherrschbar zu halten. Das Getriebe wurde über massive Carbon-Schaltwippen hinter dem Lenkrad bedient und lieferte unter Volllast im Corsa-Modus jene brutalen, mechanischen Gangwechsel, für die diese Generation von Lamborghinis berüchtigt war.
Der V12 brüllte durch eine modifizierte Abgasanlage, deren Sound noch heiserer, metallischer und aggressiver abgestimmt war als im Serienmodell, was die aeronautische Illusion perfektionierte.
Fahrwerk: Hochgeschwindigkeits-Stabilität
Da das Chassis (ein hochfester Stahlrohr-Spaceframe mit Carbon-Verstärkungen) und der Antriebsstrang direkt vom Murciélago stammten, unterschied sich das Fahrverhalten des Reventón nur in Nuancen vom Serienfahrzeug.
Er war mit 1.665 Kilogramm (Trockengewicht) kein ausgewiesenes Leichtgewicht für die Rennstrecke, sondern ein extrem potenter und stabiler Gran Turismo für Höchstgeschwindigkeiten. Die Karosserieform des Reventón (insbesondere der flache Unterboden, die scharfe Front und der asymmetrische Seiteneinlass, der auf der linken Seite deutlich vergrößert wurde, um den massiven Ölkühler besser anzuströmen) sorgte bei Geschwindigkeiten jenseits der 250 km/h für noch mehr aerodynamischen Abtrieb und eine exzellente Kühlung.
Für die brachiale Verzögerung sorgten serienmäßige Carbon-Keramik-Bremsscheiben (380 mm Durchmesser) mit 6-Kolben-Sätteln.
Leistung: Hypercar-Fahrwerte
Die Kombination aus 650 PS, dem extremen Grip des Allradantriebs und der hervorragenden Aerodynamik bescherte dem Reventón Fahrwerte, die 2007 absolut zur Elite der Hypercar-Welt gehörten:
- Beschleunigung 0-100 km/h: 3,4 Sekunden
- Höchstgeschwindigkeit: 340 km/h (211 mph)
Um die Leistungsfähigkeit und das Kampfflugzeug-Thema des Wagens spektakulär zu untermauern, inszenierte Lamborghini im November 2007 ein Rennen auf der Start- und Landebahn des Militärflughafens Ghedi (Italien). Der Reventón trat gegen einen Panavia Tornado (einen Überschall-Kampfjet) der italienischen Luftwaffe an. Über eine Distanz von 3 Kilometern lag der Lamborghini anfangs in Führung, bevor der Tornado abheben und das Rennen auf den letzten Metern für sich entscheiden konnte.
Ein Interieur wie ein Cockpit
Das Thema “Stealth-Fighter” wurde im Innenraum des Reventón konsequent fortgeführt. Die Kabine war verschwenderisch mit feinstem schwarzen Leder, olivgrünem Alcantara und riesigen Mengen an mattem Sichtcarbon ausgekleidet.
Das absolute Highlight und die radikalste Neuerung war jedoch die Instrumenteneinheit. Lamborghini verwarf die klassischen analogen Rundinstrumente des Murciélago vollständig. Stattdessen blickte der Fahrer auf drei hochexklusive, flüssigkristallbasierte TFT-Farbdisplays, die aus einem massiven, aus dem Vollen gefrästen Aluminiumblock (in einem Kohlefasergehäuse) eingefasst waren.
Der Fahrer konnte auf Knopfdruck zwischen zwei verschiedenen Ansichten wählen:
- Einem analogen Modus mit klassischen (digital nachgebildeten) Rundinstrumenten.
- Einem digitalen Modus, der exakt das Head-Up-Display (HUD) eines modernen Kampfflugzeugs imitierte, inklusive einer dreidimensionalen, G-Force-Anzeige (die als Fadenkreuz in einem Raster dargestellt wurde) und eines horizontalen Leuchtbalkens für die Drehzahl. Dieses Gimmick war im Jahr 2007 absolute Science-Fiction im Automobilbau.
Exklusivität in Reinkultur: Der Eine-Million-Euro-Stier
Der Lamborghini Reventón war von Beginn an als extremes Sammlerobjekt konzipiert. Lamborghini limitierte die Produktion auf exakt 20 Kundenfahrzeuge weltweit (plus ein einziges Exemplar, die Nummer 0/20, das im Werksmuseum in Sant’Agata Bolognese ausgestellt ist).
Der Basispreis betrug 1 Million Euro (ohne Steuern) – zu jener Zeit eine unvorstellbare Summe für einen Neuwagen. Dennoch waren alle 20 Einheiten (die meisten davon gingen an loyale Kunden in den USA, Europa und dem Nahen Osten) bereits komplett ausverkauft, bevor das Auto der Öffentlichkeit überhaupt offiziell vorgestellt wurde. Jedes Fahrzeug trug zwischen den Sitzen eine nummerierte Plakette (von 1/20 bis 20/20).
Zwei Jahre später (2009) schob Lamborghini noch den extrem streng limitierten Reventón Roadster nach. Von diesem offenen Modell mit 670 PS wurden lediglich 15 Exemplare gebaut, was ihn noch seltener macht als das Coupé.
Vermächtnis: Die Blaupause für die Zukunft
Der Lamborghini Reventón war viel mehr als nur ein unfassbar teurer Murciélago im Stealth-Anzug. Er bewies dem Management von Lamborghini und dem Mutterkonzern Audi, dass es einen extrem lukrativen Markt für hochpreisige Kleinstserien (Few-Offs) gab. Dieses Geschäftsmodell wurde in den folgenden Jahren mit Ikonen wie dem Veneno, dem Centenario und dem Sián FKP 37 perfektioniert.
Vor allem aber war der Reventón ein gigantischer, lauter und dreister Teaser. Er nahm die scharfkantige, extrem aggressive und asymmetrische Formensprache vorweg, die 2011 zum absoluten Markenzeichen des Murciélago-Nachfolgers, des Lamborghini Aventador, werden sollte. Der Reventón ist heute eines der seltensten und faszinierendsten Automobile der V12-Saugmotor-Ära.