Ferrari SF90 Stradale: Die stille Revolution
Der Ferrari SF90 Stradale — benannt nach dem 90-jährigen Jubiläum der Scuderia Ferrari — ist ein Paradoxon in Reinform. Er ist ein Serienfahrzeug, kein auf wenige Exemplare limitierter Sonderbau wie der LaFerrari, und dennoch ist er schneller als jener. Er ist ein Plug-in-Hybrid, der lautlos durch eine Innenstadt gleiten kann, und besitzt gleichzeitig 1.000 PS. Er steht für den größten Wandel in Ferraris Philosophie seit dem F40 — den Moment, in dem Ferrari aufhörte, die Zukunft zu fürchten, und begann, sie zu definieren.
Historischer Kontext: Warum der SF90 alles veränderte
Als der LaFerrari 2013 debütierte, bewies er, dass Hybridtechnologie einen emotional überwältigenden Hypercar schaffen kann, der jeder rein verbrennungsgetriebenen Alternative überlegen ist. Die Fähigkeit des HY-KERS-Systems, die Drehmomentschwächen des V12 mit sofortiger elektrischer Kraft zu füllen, erzeugte eine Kraftentfaltung, die sich übernatürlich anfühlte — nahtlos, gnadenlos, unmöglich.
Doch der LaFerrari war eine Kleinserie: 499 Coupés, 210 Apertas. Er war ein Statement, keine Produktstrategie. Die Frage, die sich nach seinem Erscheinen stellte, war, ob Ferrari die Hybridtechnologie in die reguläre Modellpalette integrieren würde oder ob sie ein Spezialistenwerkzeug für ultimative Hypercars bleiben sollte.
Der SF90 Stradale beantwortete diese Frage unmissverständlich. Er ist kein Hypercar im traditionellen Sinne — er wurde in nennenswerten Stückzahlen produziert, zu einem Preis von rund 500.000 Dollar (teuer, aber nicht in denselben seltenen Sphären wie der LaFerrari), und wurde als reguläres Serienfahrzeug der Marke positioniert. Ferrari erklärte damit: So bauen wir jetzt Sportwagen.
Der Name ehrt das 90-jährige Bestehen der Scuderia Ferrari, des Rennteams, das Enzo Ferrari 1929 gründete — jener Organisation, aus deren Rennsportprogramm nahezu jede Straßenfahrzeugtechnologie hervorgegangen ist. „Stradale” bedeutet „für die Straße”. Dies ist die Straßenversion des Renngeistes, der Ferrari von Anfang an angetrieben hat.
Der Antriebsstrang: 4 Motoren
Der SF90 verwendet einen komplexen Antriebsstrang, der den LaFerrari geradezu primitiv erscheinen lässt.
- Der Verbrennungsmotor: Ein 4,0-Liter-Twin-Turbo-V8 (eine Weiterentwicklung des F8-Tributo-Triebwerks), der 780 PS leistet. Er liegt tiefer im Chassis und verfügt über neu entwickelte Zylinderköpfe.
- Der MGUK: Ein Elektromotor, der zwischen Motor und Getriebe eingeklemmt ist — aus dem Formel-1-Sport abgeleitet.
- Die Frontmotoren: Zwei unabhängige Elektromotoren an der Vorderachse.
- Gesamtleistung: 1.000 PS (986 hp).
Damit ist der SF90 der erste allradangetriebene Mittelmotor-Sportwagen von Ferrari überhaupt. Die Frontmotoren übernehmen die Torque-Vectoring-Funktion und ziehen die Vorderachse mit unnatürlicher Intensität in Kurven hinein.
Den vorderen Elektromotoren gebührt besondere Aufmerksamkeit. Sie sind nicht bloß dazu da, zusätzliche Leistung bereitzustellen; sie verändern den dynamischen Charakter des Fahrzeugs grundlegend. Indem sie jedem Vorderrad unabhängiges Drehmoment zuweisen, können sie ein Giermoment erzeugen — das Fahrzeug um seine Hochachse drehen —, das mit mechanischem Frontantrieb unmöglich wäre. Der SF90 kann daher mit einer Präzision und Dringlichkeit in Kurven einlenken, die heckgetriebene Fahrzeuge gleicher Leistung nicht zu leisten vermögen.
Die Kombination aus heckbetriebenem Verbrennungsmotor und unabhängig motorisierter Vorderachse eröffnet Möglichkeiten für die Drehmomentvektorierung, die mit konventionellen Differenzialen schlicht nicht verfügbar sind. Die Frontmotoren können in einer Kurve mehr Drehmoment auf das äußere Vorderrad aufbringen und die Nase des Wagens zum Scheitelpunkt ziehen — oder Bremsdrehmoment auf das innere Vorderrad ausüben, um Untersteuern zu verhindern. Das Ergebnis ist ein Fahrzeug, das zu lesen scheint, wohin der Fahrer will.
Das Getriebe: Kein Rückwärtsgang
Der SF90 führt ein neues 8-Gang-Doppelkupplungsgetriebe (DCT) ein.
- Kleiner und leichter: Es ist 20 % kompakter und 7 kg leichter als die alte 7-Gang-Schaltung.
- Kein Rückwärtsgang: Im Getriebe gibt es keinen Rückwärtsgang. Um zurückzusetzen, schaltet sich der Motor ab, und die beiden vorderen Elektromotoren drehen rückwärts. Man fährt rückwärts im lautlosen FWD-Modus.
Die Entscheidung, auf den Rückwärtsgang im Getriebe zu verzichten, ist eine jener Lösungen, die kontraintuitiv erscheint, bis man sie vollständig versteht. Rückwärtsgänge kosten Bauraum und Gewicht. Da die vorderen Elektromotoren für das Zurücksetzen — definitionsgemäß ein Niedriggeschwindigkeitsmanöver — vollkommen ausreichen, konnte Ferrari den Rückwärtsgang eliminieren und damit das Getriebe vereinfachen und leichter machen.
Das Erlebnis des Zurücksetzens im SF90 ist an sich schon interessant: Der Motor schaltet ab, das Fahrzeug wird vollkommen still, und man nutzt die Frontmotoren, um behutsam zurückzugleiten. Es ist vollkommen sanft und präzise. Beim ersten Mal fühlt es sich wirklich merkwürdig an. Nach einer Weile ist es schlicht die Art, wie der SF90 funktioniert.
Aktive Aerodynamik: Der Shut-off Gurney
Ferrari hat für den SF90 ein neues aktives Aerodynamikelement patentiert: den Shut-off Gurney.
- Geringer Luftwiderstand: Normalerweise liegt der Heckflügel bündig mit der Karosserie, um maximale Höchstgeschwindigkeit zu ermöglichen.
- Hoher Abtrieb: Beim Bremsen oder in Kurven senkt sich ein Abschnitt des hinteren Decks ab und gibt eine Gurney-Lippe frei. Dadurch wird die Luftströmung abgewürgt und ein massiver Abtrieb von 390 kg bei 250 km/h erzeugt. Es ist das Gegenteil der meisten aktiven Flügel, die sich nach oben ausklappen.
Das Gurney-Flap-Konzept wird im Rennsport seit Jahrzehnten eingesetzt. Dan Gurney befestigte beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans 1971 bekanntlich eine kleine Lippe an der Hinterkante des Flügels seines Wagens und erzielte damit eine signifikante Verbesserung des Abtriebs. Ferraris Innovation besteht darin, diese Lippe durch das Absenken des hinteren Deckpanels dynamisch erscheinen und verschwinden zu lassen, anstatt einen traditionellen Flügel aufzurichten. Das Ergebnis ist ein aktives Aerodynamiksystem, das die Erscheinung des Fahrzeugs kaum verändert — die niedrige, saubere Linie des Karosserieabschlusses bleibt erhalten, bis das Auto tatsächlich hohen Abtrieb benötigt.
Das Verhalten des Systems ist vollständig autonom. Der Fahrer entscheidet nicht, wann es aktiviert wird; die Computer des Fahrzeugs überwachen kontinuierlich Geschwindigkeit, Querbeschleunigung, Bremskräfte und Lenkwinkel und setzen den Gurney-Flap ein, wann immer das aerodynamische Gleichgewicht es verlangt.
Das Assetto-Fiorano-Paket
Für Fahrer, die Rundenzeiten über Komfort stellen, gibt es das Assetto-Fiorano-Paket.
- Gewicht: Es spart 30 kg durch Carbonfaser-Türverkleidungen und Unterbodenverkleidung.
- Fahrwerk: Multimatic-GT-Rennsport-Dämpfer (nicht verstellbar), auf die Strecke abgestimmt.
- Reifen: Michelin Pilot Sport Cup 2 R.
- Titan: Ein Titan-Abgassystem.
- Heckflügel: Ein größerer Carbonfaser-Heckflügel für mehr Abtrieb.
Die Multimatic-Dämpfer im Assetto-Fiorano-Paket sind dieselben Einheiten, die in verschiedenen GT-Meisterschaftsfahrzeugen eingesetzt werden. Sie sind einschichtig und nicht verstellbar — das Gegenteil der variablen Magnetdämpfer im Standard-SF90 — weil bei Trackdays oder auf dem Fiorano-Kurs die optimale Abstimmung selten wechselt. Die festen Kennlinien gewährleisten perfekte Karosseriekontrolle ohne den Rechenaufwand kontinuierlich variabler Dämpfer, und sie reagieren unmittelbarer auf plötzliche Eingaben.
Fahrmodi: Das eManettino
Das Lenkrad des SF90 trägt ein berührungsempfindliches „eManettino” zur Steuerung des Hybridsystems.
- eDrive: Reiner EV-Modus. Nur Frontantrieb. Reichweite 25 km. Höchstgeschwindigkeit 135 km/h.
- Hybrid: Der Standardmodus. Wechselt je nach Bedarf zwischen Motor und Batterie für maximale Effizienz.
- Performance: Hält den Motor laufend, um die Batterie aufzuladen.
- Qualify: Entfesselt alle 1.000 PS. Die Batterie entlädt sich schnell, aber für 2–3 Runden ist man das schnellste Etwas auf Erden.
Der „Qualify”-Modus ist treffend benannt. Er ist für kurze Maximalbelastungsphasen gedacht — eine Qualifikationsrunde, ein Stehstart-Sprint, ein Überholmanöver auf einer unbeschränkten Straße. Im „Qualify”-Modus setzt das Fahrzeug dauerhaft alle 1.000 PS ein und entlädt die Batterie so schnell wie nötig, um maximale Leistung aufrechtzuerhalten. Er ist nicht für anhaltenden Gebrauch ausgelegt, und Ferraris Ingenieure haben entsprechende Wärmeschutzfunktionen programmiert, um die Batterie vor Schäden zu bewahren.
Die weitreichende Bedeutung
Der SF90 Stradale hat Ferraris Produktstrategie dauerhaft verändert. Vor ihm setzte Ferraris reguläre Palette auf turbogeladene V8s (488, F8) und Saugmotor-V12s (812) ohne Hybridunterstützung. Nach dem SF90 war die Richtung klar: Künftige Ferrari-Sportwagen würden Hybridtechnologie als zentrales Leistungswerkzeug nutzen, nicht als optionale Ergänzung.
Der 296 GTB folgte direkt in den philosophischen Fußstapfen des SF90 und übertrug die Hybridtechnologie auf den kleineren Mittelmotor-Sportwagen. Der 12Cilindri GT-Wagen wird früher oder später ein Hybridsystem erhalten. Der Purosangue dürfte künftig ebenfalls hybridisiert werden. Der SF90 war nicht nur ein Produkt — er war ein Machbarkeitsbeweis.
Fazit
Der SF90 Stradale ist erschreckend schnell. Er beschleunigt in 2,5 Sekunden von 0 auf 100 km/h — in Tests häufig sogar in 2,1 Sekunden gemessen. Er umrundet Fiorano schneller als der LaFerrari. Er ist ein Computer auf Rädern, aber einer, der von Menschen programmiert wurde, die das Fahren lieben. Er beweist, dass Hybridisierung nicht nur dem Schutz des Klimas dient, sondern vor allem dazu, schneller zu fahren.
Und er ist schön. Obwohl er drei Elektromotoren, ein komplexes Hybridakkusystem und ein Getriebe ohne Rückwärtsgang in sich trägt, sieht der SF90 Stradale so aus, wie ein Sportwagen aussehen sollte — niedrig, zweckmäßig, mit jeder Fläche geformt, um etwas Nützliches zu tun. Dass er überhaupt existiert, dass er so performt, wie er es tut, und dass er in der Einfahrt eines Kunden abgeliefert und auf öffentlichen Straßen gefahren werden kann, ist eine der bemerkenswertesten Leistungen in Ferraris langer Geschichte bemerkenswerter Leistungen.