Ferrari 812 Superfast
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812 Superfast

Ferrari 812 Superfast: Das letzte Aufbäumen des V12

Der Name „Superfast” klingt vielleicht wie ein Marketingbegriff aus den 1960er-Jahren – und das ist er tatsächlich: eine Hommage an den 500 Superfast. Im Fall des Ferrari 812 ist er jedoch schlicht eine sachliche Beschreibung. Als er 2017 auf den Markt kam, um den F12berlinetta abzulösen, wurde der 812 Superfast zum leistungsstärksten saugmotorisch betriebenen Serienfahrzeug, das jemals gebaut wurde.

In einer Ära, in der jeder Wettbewerber – und selbst Ferrari – auf Turboaufladung und Hybridisierung umstieg, blieb der 812 trotzig standhaft. Keine Turbos. Keine Elektromotoren. Nur 12 Zylinder, 6,5 Liter Hubraum und ein Drehzahlbegrenzer, der bis auf 8.900 U/min aufschreit.

Historischer Kontext: Ein Name mit Erbe

Der Name „Superfast” ist keine bloße Retro-Anspielung. In Ferraris Geschichte repräsentierten die Bezeichnungen Superamerica und Superfast aus den späten 1950er- und frühen 1960er-Jahren den absoluten Gipfel der Frontmotor-GT-Baureihe der Marke – Fahrzeuge, die in winzigen Stückzahlen für Adel, Filmstars und Industrielle gebaut wurden, die die feinste Reisemaschine kaufen wollten, die Geld sich erkaufen konnte.

Der 812 Superfast erbt diese Tradition. Er ist das Flaggschiff der regulären Ferrari-Modellreihe – angesiedelt über den Mittelmotorberlinettas an Prestige und Exklusivität, aber unterhalb der limitierten Hypercars an Seltenheit. Er ist das Auto für jemanden, der das ultimative Ferrari-Straßenfahrzeug-Erlebnis möchte: den V12, das Frontmotor-GT-Format, die lange Motorhaube, die Kraft, an einem einzigen Tag einen Kontinent zu durchqueren – ohne die Einschränkungen eines streckenorientierten Hypercars.

Der F12berlinetta, den er ersetzte, war bereits außergewöhnlich, stellte Rundenrekorde auf und erntete nahezu universelles Kritikerlob. Damit der 812 ein echter Nachfolger und nicht nur eine Weiterentwicklung war, musste er in den entscheidenden Bereichen grundlegend besser sein. Ferraris Ingenieure erfüllten diese Erwartung in fast jeder Dimension.

Der Motor: F140 GA

Das Herzstück des 812 ist der F140 GA-Motor. Er ist eine Weiterentwicklung des F12-Motors, wobei 75 % der Bauteile neu sind.

  • Hubraum: Von 6,3 L auf 6,5 L durch verlängerten Hub angehoben.
  • Einspritzung: Er war der erste Ferrari V12 mit einem 350-bar-Direkteinspritzsystem. Dieses Hochdrucksystem zerstäubt den Kraftstoff so präzise, dass es Partikelemissionen verhindert und dem massiven Motor ermöglicht, strenge Euro-6-Abgasvorschriften ohne Einbußen bei Leistung oder Klang zu erfüllen.
  • Leistung: 800 PS (588 kW; 789 hp) bei 8.500 U/min.
  • Drehmoment: 718 Nm bei 7.000 U/min (80 % davon ab nur 3.500 U/min verfügbar).
  • Einlass: Von der Formel 1 abgeleitete Ansaugrohre mit variabler Geometrie ermöglichen es dem Motor, bei niedrigen wie hohen Drehzahlen gleichermaßen effizient zu atmen.

Das Ergebnis ist ein Motor, der sich bodenlos anfühlt. Anders als ein Turbomotor, der gegen den Drehzahlbegrenzer an Kraft verliert, zieht der 812 stärker, je schneller man ihn dreht. Der Klang ist eine mechanische Symphonie – ein komplexes Schichten von Ansauggeräuschen und Abgalfauchen, das kein Lautsprechersystem replizieren kann.

Das Direkteinspritzsystem ist eine eingehendere Betrachtung wert. Bei 350 bar (rund 5.000 psi) wird der Kraftstoff so fein zerstäubt, dass die Verbrennung drastisch vollständiger ist als bei konventioneller Einspritzung. Das verbessert den thermischen Wirkungsgrad, reduziert Partikelemissionen und ermöglicht ein höheres Verdichtungsverhältnis – im 812 beträgt es 13,5:1, außerordentlich hoch für einen Saugmotor dieser Hubraumklasse. Die Kombination aus hoher Verdichtung und Direkteinspritzung ist ein wesentlicher Grund dafür, dass der 812 800 PS ohne Aufladung erzeugt.

Virtual Short Wheelbase 2.0

800 PS über die Hinterräder eines Frontmotorfahrzeugs zu schicken ist ein Rezept für Desaster – oder Reifenrauch. Um den 812 beherrschbar zu machen, setzte Ferrari auf das sogenannte Virtual Short Wheelbase 2.0 (Passo Corto Virtuale).

Dabei handelt es sich um ein ausgeklügeltes Vierradlenksystem.

  • Niedrige Geschwindigkeit: Die Hinterräder lenken entgegengesetzt zu den Vorderrädern. Das verkürzt den Radstand effektiv und lässt den großen GT-Wagen in engen Kurven und Kehren so agil wirken wie einen Kleinwagen.
  • Hohe Geschwindigkeit: Die Hinterräder lenken in dieselbe Richtung wie die Vorderräder. Das verlängert den Radstand virtuell und sorgt für Stabilität bei schnellen Spurwechseln oder langen, weitläufigen Kurven.

In Verbindung mit der elektrischen Servolenkung (eine Premiere für einen Ferrari V12, der das alte Hydrauliksystem ablöst) wirkt der 812 unheimlich agil. Man dreht das Lenkrad, und die Nase schießt sofort in den Scheitelpunkt.

Das Vierradlenksystem ist eine dieser Technologien, die in der Beschreibung exotisch klingen, im Alltag aber völlig transparent sind. Man bemerkt nicht, dass die Hinterräder mitlenken; man bemerkt schlicht, dass das Fahrzeug mit einer Schärfe und Wendigkeit antwortet, die für ein Fahrzeug dieser Größe unmöglich erscheint. Auf einer engen Bergstraße fühlt sich der 812 an wie ein Auto mit einem viel kürzeren Radstand. Auf der Autobahn bei hohen Geschwindigkeiten ist es fest verankert und absolut sicher. Der Übergang zwischen diesen Verhaltensweisen ist nahtlos.

Aerodynamik: Passiv und aktiv

Der 812 sieht aggressiv aus, aber das Design wird durch das Luftströmungsmanagement bestimmt.

  • Das Lächeln: Der Fronteinlass ist massiv, um den V12 zu kühlen. Im Inneren des Kühlergrills öffnen passive Klappen bei hohen Geschwindigkeiten allein durch den Luftdruck, um den Unterbodendiffusor zu stallen und den Luftwiderstand zu reduzieren.
  • Die Flanken: Die tiefen Einbuchtungen in den Türen sind nicht nur Stil; sie leiten Luft weg von den turbulenten Radkästen und zu den hinteren Kotflügel-Einlässen, um Abtrieb zu erzeugen.
  • Das Heck: Der hintere Diffusor ist in Wagenfarbe gehalten und verfügt über aktive Klappen, die sich für Abtrieb absenken oder für Höchstgeschwindigkeitsfahrten ausflachen (340 km/h).

Ferraris Aerodynamikingenieure erzielten eine bemerkenswerte Balance: Der 812 erzeugt bei 200 km/h 128 kg Abtrieb und behält dabei einen Luftwiderstandsbeiwert bei, der für die angegebene Höchstgeschwindigkeit von 340 km/h niedrig genug ist. Ohne aktive Aerodynamik wäre dies praktisch unmöglich – man kann dieselbe physische Form nicht gleichzeitig für maximalen Abtrieb in der Kurve und minimalen Luftwiderstand auf der Geraden optimieren. Die aktiven Heckklappen lösen diesen Konflikt, indem sie das aerodynamische Profil des Fahrzeugs je nach Bedarf verändern.

Das Fahrerlebnis

Das Fahren eines 812 Superfast ist eine Übung in sensorischer Überflutung.

  1. Beschleunigung: Er erreicht 0–100 km/h in 2,9 Sekunden. Aber die 0–200-km/h-Zeit von 7,9 Sekunden ist der Moment, in dem der V12 wirklich glänzt. Er zieht einfach weiter.
  2. Getriebe: Das 7-Gang-Doppelkupplungsgetriebe schaltet in Millisekunden. Im „Race”-Modus sind die Schaltvorgänge so programmiert, dass sie einen physischen „Tritt” in den Rücken geben, um die Brutalität einer sequenziellen Renngetriebeeinheit zu simulieren.
  3. Der Angstfaktor: Mit ausgeschalteter Traktionskontrolle ist der 812 eine Herausforderung. Er wird seine Hinterräder auf trockenem Asphalt im 3. und 4. Gang durchdrehen. Er fordert Respekt und Können, wenn man ihn an der Grenze bewegt.

Der Angstfaktor ist real und verdient Aufmerksamkeit. 800 saugmotorische PS über die Hinterräder eines langen, schweren Frontmotorfahrzeugs – das ist eine Kombination, die selbst erfahrene Fahrer überfordern kann, wenn sie unachtsam werden. Die Traktionskontrollsysteme des 812 sind ausgeklügelt und effektiv, aber sie haben ihren Grund. Schaltet man sie aus – wie es die „Race”-Manettino-Stellung einlädt – wird das Fahrzeug zu einem echten Herausforderungspartner. Das ist keine Kritik; es ist eine der größten Tugenden des 812. Er fordert Respekt und belohnt Können.

Interieur: Luxus trifft Geschwindigkeit

Anders als die Mittelmotorfahrzeuge (F8/488), die fahrerorientiert sind, ist der 812 ein Grand Tourer. Das Interieur ist geräumig und luxuriös.

  • Materialien: Hochwertiges Leder bedeckt nahezu jede Oberfläche. Die Sitze sind für Langstreckenkomfort ausgelegt, wobei Carbon-Schalensitze optional erhältlich sind.
  • Beifahrerdisplay: Das optionale Beifahrerdisplay lässt den Co-Piloten als DJ agieren oder Navigation abrufen – obwohl er die meiste Zeit entsetzt auf die Geschwindigkeitsanzeige starren wird.
  • Kofferraum: Überraschend praktisch, mit ausreichend Platz für das Gepäck zweier Personen für eine Woche.

Das Kombiinstrument ist zwar digital, präsentiert seine Informationen jedoch mit Zurückhaltung. Keine Cartoon-Grafiken oder ablenkenden Displays. Der Drehzahlmesser ist groß und zentral. Die Geschwindigkeit ist klar ablesbar. Alles andere ist zweitrangig. Ferrari verstand, dass in einem so schnellen Fahrzeug der Fahrer Klarheit braucht, keine Unterhaltung.

812 GTS und Competizione

  • 812 GTS: Die Cabriolet-Variante. Der erste in Serie gefertigte Frontmotor-V12-Cabriolet von Ferrari seit 50 Jahren (seit dem Daytona Spider). Er verfügt über ein einfahrbares Hardtop, das sich in 14 Sekunden öffnet.
  • 812 Competizione: Die Hardcore-Rennstreckenversion. Dreht bis auf 9.500 U/min. 830 PS. Verfügt über eine vollständig geschlossene Heckscheibe mit Wirbelgeneratoren anstelle von Glas und einen Carbon-Faser-Streifen quer über die Motorhaube.

Der Competizione ist eine Klasse für sich. Indem Ferrari den F140 GA-Motor auf 9.500 U/min trieb – eine Zahl, die umfangreiche interne Modifikationen wie Titan-Pleuelstangen, eine erleichterte Kurbelwelle und neue Zylinderköpfe erforderte – schuf Ferrari möglicherweise den extremsten je gebauten Saugmotor-Serienmotor. Der Klang bei 9.500 U/min ist kaum zu beschreiben, und die Fahrleistungen stellen ihn neben dedizierte Rennstreckenfahrzeuge von Herstellern, die nichts anderes bauen.

Rivalen und Vermächtnis

Der 812 Superfast kam zu einer Zeit, als seine engsten Rivalen der Lamborghini Aventador S und der Aston Martin DBS Superleggera waren. Der Lamborghini bot mehr visuelles Drama und Allradantrieb, doch das Vierradlenksystem des Ferrari machte ihn echte wendiger. Der Aston war kultivierter und fühlte sich auf langen GT-Reisen vielleicht wohler, war aber dynamisch weniger aufregend.

Der 812 Superfast markiert das Ende einer Ära. Sein Nachfolger, der 12Cilindri, führt die V12-Linie fort, aber der 812 wird immer als das Fahrzeug in Erinnerung bleiben, das die klassische Frontmotor-Formel bis an ihre absolute Grenze trieb, bevor die Vorschriften die Daumenschrauben anzuziehen begannen. Er ist der letzte kompromisslose, nicht-hybride Frontmotor-V12-Ferrari, der in nennenswerter Stückzahl gebaut wurde – und allein dieser Status sichert ihm seinen Platz in der Automobilgeschichte.