Aston Martin Vantage
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Aston Martin Vantage: Der Jäger

Über ein Jahrzehnt lang war der Aston Martin Vantage der vorherigen Generation der Liebling der Automobilwelt. Er wurde allgemein für seine zeitlosen, schönen Proportionen und das heulende Wimmern seiner natürlich gesaugten V8- (und später V12-) Motoren verehrt. Unter dem atemberaubenden Äußeren alterte jedoch das Fahrwerk, und seine Rolle war etwas zweideutig – war es ein echter Sportwagen, der Porsche-911-Jagd machen wollte, oder war es einfach ein kleinerer Grand Tourer?

Als Aston Martin Ende 2017 den komplett neuen Vantage (als Modell 2018) enthüllte, beantworteten sie diese Frage definitiv. Der neue Vantage war nicht darauf ausgelegt, allgemein schön zu sein; er sollte raubtierartig aussehen. Es war eine radikale Abkehr im Styling, in der Technik und in der Philosophie, explizit gebaut, um das aggressivste, agilste und fahrerfokussierteste Auto in der Aston-Martin-Palette zu sein.

Historischer Kontext: Die Vantage-Abstammung

Der Vantage-Name reicht bis 1950 zurück, als er erstmals auf eine Hochleistungsvariante des DB2 angewendet wurde. Im Laufe der Jahrzehnte entwickelte er sich dazu, Aston Martins höchste Leistungsversion des aktuellen Baureihe zu bezeichnen – der V8 Vantage von 1977 war das schnellste britische Serienfahrzeug seiner Zeit; der V8 Vantage von 2005 belebte die Sportwagen-Tradition für eine neue Generation.

Die Generation 2005-2017 war allgemein geliebt, hatte aber Mitte der 2010er Jahre begonnen, ihr Alter zu zeigen. Das VH-Fahrwerk war trotz aller Tugenden ein Jahrzehnt alt. Die natürlich gesaugten V8- und V12-Motoren näherten sich den Grenzen dessen, was die Emissionsvorschriften in wichtigen Märkten erlauben würden. Die Infotainment-Technologie hinkte trotz Updates der Konkurrenz hinterher.

Als die neue Generation auf dem Genfer Automobil-Salon 2017 enthüllt wurde, war sofort klar, dass Aston Martin eine Entscheidung getroffen hatte: Der neue Vantage würde grundlegend aggressiver, fokussierter und technisch fortschrittlicher sein als alles, was der Vantage-Name zuvor beschrieben hatte. Er würde nicht nur gegen den Ferrari Portofino und McLaren GT, sondern auch gegen den Porsche 911 Turbo S auf eigene Bedingungen konkurrieren.

Das Design: Raubtier-Haltung

Unter der Leitung von Marek Reichman verwarf das Design des neuen Vantage die eleganten, geschwungenen Kurven des DB11 zugunsten einer wesentlich aggressiveren, muskulöseren Ästhetik, inspiriert vom Vulcan-Rennwagen und dem DB10 aus dem James-Bond-Film Spectre.

Das umstrittenste Element bei seiner Veröffentlichung war das Frontgitter. Als „Jäger”-Grill bezeichnet, ist es massiv, ohne traditionelle Chromlamellen und fegt unglaublich tief zum Boden hinunter, um Luft zu den Ladeluftkühlern und den vorderen Bremsen zu führen.

Das Profil zeichnet sich durch minimale Überhänge, eine ausgeprägte „Clamshell”-Motorhaube aus, die sich um die Vorderräder wickelt, und eine dramatisch geschwungene Dachlinie aus. Am Heck ist der Vantage unglaublich breit und verfügt über einen charakteristischen ultradünnen, vollbreiten LED-Rückleuchten-Streifen, der in der Mitte hochkippt und einen integrierten aerodynamischen Spoiler bildet. Ein massiver, funktionaler hinterer Diffusor verwaltet den Luftstrom, der unter dem vollständig flachen Boden austritt und erheblichen Abtrieb erzeugt, ohne dass ein ausfahrbarer Flügel benötigt wird.

Rezeption und der „Marmite”-Effekt

Das Design des neuen Vantage erwies sich als spaltend auf eine Art, wie es Aston-Martin-Produkte selten sind. Die früheren Autos der Marke waren fast universell für ihre Schönheit gelobt worden; der neue Vantage löste echte Debatten aus. Bewunderer sahen ein Auto, das wirklich gefährlich aussah – fokussierter und aggressiver als jeder Aston Martin seit dem Vulcan. Kritiker fanden das große offene Gitter zu viel und dass die Schönheit der vorherigen Generation für eine Aggressivität geopfert worden war, die der Marke nicht ganz passte.

Im Nachhinein hatte Aston Martin die richtige Entscheidung getroffen. Das Problem des vorherigen Vantage war genau, dass er zu schön und nicht aggressiv genug war – er kommunizierte optisch sein Leistungspotenzial nicht, und Käufer, die echte Sportwagen-Intensität suchten, wählten stattdessen Porsche und McLaren. Das aggressive Gesicht des neuen Vantage macht seine Absicht auf einen Blick klar, und diese Klarheit des Zwecks hat sich kommerziell als effektiv erwiesen.

Das Herz: AMGs 4,0-Liter-Biturbo-V8

Um sicherzustellen, dass der Vantage die Feuerkraft hatte, die zu seinem Aussehen passte, stützte sich Aston Martin stark auf seine technische Partnerschaft mit Mercedes-AMG.

Unter der Clamshell-Motorhaube sitzt der herrliche M177-4,0-Liter-Biturbo-V8-Motor, dieselbe grundlegende Architektur wie im Mercedes-AMG GT. Aston Martin ließ es jedoch nicht dabei.

Aston-Martin-Ingenieure entwickelten maßgefertigte Lufteinlässe, ein einzigartiges Abgassystem und programmierten die Bosch-Motorsteuerungssoftware komplett neu. Sie wollten, dass der Motor sich anfühlt und klingt wie ein Aston Martin, nicht wie ein Mercedes. Das Ergebnis ist ein Motor, der 510 PS bei 6.000 U/min und ein massives Drehmoment von 685 Nm produziert, das von nur 2.000 bis 5.000 U/min verfügbar ist.

Das maßgefertigte Abgassystem verändert den Charakter des AMG-Motors vollständig. Während der AMG GT mit einem tiefen, gutturalen Muscle-Car-Knurren aufwartet, besitzt der Vantage ein hochfrequenteres, kultiviertes und exotischeres Heulen, das bis zum Drehzahlbegrenzer kreischt.

Einen AMG-Motor britisch klingen lassen

Der Abgasentwicklungsprozess für den Vantage ist es wert zu verstehen, weil er illustriert, wie tief Aston Martin das Konzept des Markencharakters nimmt. Klang ist zentral für das emotionale Erlebnis des Fahrens eines Aston Martin – das Unternehmen hat immer unverwechselbare, evokative Motorklangsignale als zentral für die Produktidentität bewertet. Als der AMG-V8 mit seinem deutlich amerikanischen Muscle-Car-Charakter ankam, mussten Aston Martins Ingenieure arbeiten, um ihn zu transformieren.

Der Prozess umfasste umfangreiche Tests verschiedener Abgaskrümmer-Geometrien, Gegendruck-Charakteristika, Schalldämpfer-Konfigurationen und Bypass-Ventil-Abstimmung. Die Bypass-Ventile – die in ruhigen Modi geschlossen sind und für sportliches Fahren öffnen – verändern nicht nur die Lautstärke, sondern die Resonanzfrequenz der Abgasnote, sodass der Vantage in einem besiedelten Gebiet flüsterleise und auf einer Bergstraße bei Vollgas wirklich theatralisch sein kann.

Das Fahrwerk: E-Diff und Transaxle

Um eine perfekte 50:50-Gewichtsverteilung zu erreichen, ist der Motor so weit wie möglich hinten im Fahrwerk montiert (Frontmittelmotor), während das Getriebe an der Hinterachse montiert ist (Transaxle-Anordnung).

Das Getriebe ist ein 8-Gang-Automatik von ZF. Während einige Puristen den Mangel an einem Doppelkupplungsgetriebe beklagten, wurde das ZF-Getriebe für seine Verfeinerung im Stadtverkehr und seine Fähigkeit, massives Drehmoment zu handhaben, gewählt. Aston Martin kalibrierte die Software so, dass sie beim Einlegen von „Sport Plus” oder „Track”-Modus aggressiv schnelle, erschütternde Schaltvorgänge liefert.

Der bedeutendste technologische Sprung für die Handlingeigenschaften des Vantage war die Einführung eines Elektronischen Hinterraddifferenzials (E-Diff) – ein Novum für Aston Martin.

Im Gegensatz zu einem konventionellen mechanischen Sperrdifferenzial ist das E-Diff mit dem elektronischen Stabilitätskontrollsystem des Autos verbunden. Es kann in Millisekunden von vollständig offen auf 100 % gesperrt wechseln. Dies ermöglicht dem Auto, unglaublich scharf in Kurven einzulenken, Untersteuern zu mildern, während gleichzeitig immense Traktion und Stabilität beim Herausbeschleunigen aus einer Kurve geboten werden.

Was das E-Diff in der Praxis verändert

Fahrer, die mit früheren Aston Martins vertraut sind und zum ersten Mal in den neuen Vantage einsteigen, berichten durchgehend, dass das E-Diff das Fahrerlebnis an der Grenze transformiert. Frühere Aston Martins konnten sich trotz mechanischer Differenzialoptionen etwas widerstrebend beim Drehen anfühlen – die Front führte, das Auto untersteuerte leicht, und der Fahrer musste das Heck mit Gas in die Spur locken.

Das E-Diff lässt den Vantage auf einer korrekten Kurvenlinie rotieren, als hätte er ein Mittelmotorlayout. Die Front auf den Scheitelpunkt ausrichten, früh Gas geben, und das E-Diff überträgt Antrieb auf das innere Hinterrad und hilft dem Auto, perfekt kontrolliert und immens befriedigend durch die Kurve zu gieren. Es ist eine jener seltenen Technologien, die ein Auto gleichzeitig schneller und angenehmer macht.

Fahrdynamik: Das GT-Feeling hinter sich lassen

Der Vantage basiert auf derselben stranggepressten Aluminium-Bonded-Fahrwerksarchitektur wie der DB11, aber 70 % seiner Komponenten sind völlig einzigartig für den Vantage. Der Radstand ist kürzer, und der hintere Hilfsrahmen ist direkt am Fahrwerk fest montiert (ohne Gummilagern), um maximale strukturelle Steifigkeit und Fahrwerk-Feedback zu maximieren.

Das Ergebnis ist ein Auto, das sich grundlegend anders als der Rest der Aston-Martin-Palette anfühlt. Es waftet nicht; es greift an. Die Lenkung ist bemerkenswert schnell und schwer gewichtet. Das adaptive Dämpfungssystem (mit Sport-, Sport-Plus- und Track-Modus) hält die Karosserie bei schneller Kurvenfahrt unglaublich flach.

Mit einem Trockengewicht von 1.530 kg startet der Vantage in 3,6 Sekunden von 0 auf 100 km/h und erreicht eine Höchstgeschwindigkeit von 314 km/h.

Konkurrenz gegen Stuttgart und Maranello

Die direkten Konkurrenten des Vantage erzählen die Geschichte der Intensität des Segments. Der Porsche 911 Turbo S bietet Allradantrieb und schnellere Gesamtwerte in einem praktischeren Paket. Der Ferrari F8 Tributo (und jetzt 296 GTB) bringt italienisches Drama, ein Mittelmotorlayout und außerordentliches Fahrer-Engagement. Der McLaren GT bietet extreme Fokussierung und ein Carbonfahrwerk.

Gegenüber jedem davon ist das Argument des Vantage Charakter und Identität. Der Porsche ist technisch überlegen, aber emotional zurückhaltend. Der Ferrari ist spektakulär, aber einschüchternd. Der McLaren kann klinisch wirken. Der Vantage liegt zwischen diesen Polen – genuingil und leistungsfähig genug, um dynamisch mitzuhalten, während er eine Tiefe des Charakters und eine ästhetische Signatur beibehält, die weder die deutschen noch die italienischen Autos ganz replizieren können.

Die Evolution des Jägers

Nach seiner ersten Veröffentlichung schärfte Aston Martin den Vantage weiter:

  • Vantage AMR: Eine Sonderedition, die ein 7-Gang-Schaltgetriebe mit einem „Dog-Leg”-ersten Gang einführte, fast 100 kg einspart und rein analoge Beteiligung priorisiert. Das Schaltgetriebe des AMR war dieselbe Dog-Leg-Einheit, die für den V12 Vantage S entwickelt wurde, was Aston Martins Bekenntnis bestätigt, auch dann eine Kupplungspedal-Option anzubieten, wenn Konkurrenten sie aufgeben.
  • Vantage Roadster: Ein wunderschön integriertes Cabriolet, das die dynamischen Qualitäten des Coupés dank des unglaublich steifen Aluminiumchassis beibehielt. Das Stoffdach entfaltet sich elektrisch und verstaut sich unter einer harten Abdeckung.
  • V12 Vantage: Im Jahr 2022 quetschte Aston Martin seinen massiven 5,2-Liter-Biturbo-V12 in das Vantage-Fahrwerk und schuf ein 700-PS-Monster mit aggressiven Flügeln, das als Schwanengesang des V12 in diesem Fahrwerk diente. Auf 333 Exemplare begrenzt und mit einem großen festen Heckflügel, war es gleichzeitig die dramatischste und extremste Vantage-Variante.
  • F1 Edition: Geschaffen um Aston Martins Rückkehr in die Formel 1 als Konstrukteur zu markieren, bot die F1 Edition verbesserte Aerodynamik und strafferes Fahrwerk-Tuning, das den Charakter des Straßenautos näher an den AMR Pro-Rennstreckenunterstützungswagen heranführte.

Vermächtnis

Der moderne Aston Martin Vantage definierte das Einstiegsmodell der Marke erfolgreich neu. Er legte die sanfte Grand-Tourer-Persönlichkeit seines Vorgängers ab und wurde ein legitimer, messerscharfer Sportwagen, der Head-to-Head mit den Besten aus Stuttgart und Maranello gehen kann. Sein kommerzieller Erfolg – und die Begeisterung, mit der die Automobilpresse ihn aufnahm – bestätigte Aston Martins Entscheidung, sowohl im Design als auch in der Dynamik bewusst aggressiver zu sein.

Der Vantage ist ab 2024 noch in Produktion und wurde mit überarbeitetem Styling und weiterer Fahrwerksentwicklung aktualisiert. Er bleibt der zugänglichste Einstiegspunkt in Aston Martins aktuelle Palette und die klarste Aussage darüber, was die Marke in ihrem zweiten Jahrhundert sein will: schön, schnell, engagiert und unverwechselbar sie selbst.