Aston Martin Valhalla: Die Schwelle überschreiten
Ursprünglich unter dem Codenamen AM-RB 003 geführt, sitzt der Valhalla unterhalb der Valkyrie in Aston Martins neuer Mittelmotor-Hierarchie. Während die Valkyrie ein kompromissloser, vibrierender Rennwagen für die Straße ist, ist der Valhalla für den tatsächlichen Gebrauch ausgelegt. Er ist ein Rivale des Ferrari SF90 Stradale.
Historischer Kontext: Aston Martins Mittelmotor-Revolution
Der Großteil seiner Geschichte war Aston Martin synonym mit Frontmotor-Hinterradantriebs-Grand-Tourern. Die DB-Serie, der DBS, der Vantage – alle folgten dieser klassischen Formel. Sie war wunderschön, effektiv und zutiefst traditionell.
Die Valkyrie und der Valhalla repräsentieren Aston Martins bewussteste Abkehr von dieser Tradition – eine Erklärung, dass die Marke im Spitzensegment des Hypercar-Engineerings gegen Ferrari, McLaren und Porsche auf eigene Bedingungen konkurrieren konnte. Die Valkyrie ging zuerst und pflanzte die Flagge am extremen Ende: ein von Adrian Newey entworfenes Auto, so kompromisslos, dass es kaum als Straßenfahrzeug funktioniert. Der Valhalla wurde von Anfang an als wirklich fahrbar konzipiert – um die Technologien und Philosophien der Valkyrie in ein Auto zu übertragen, das ein geübter Fahrer tatsächlich bei einem Trackday nutzen kann, ohne dass ein Werkstechniker anwesend sein muss.
Die nordische Namensgebung (Valkyrie und Valhalla) ist bewusst. In der nordischen Mythologie ist Valhalla die große Halle, in die Krieger, die im Kampf sterben, von den Walküren getragen werden. Aston Martins Valhalla ist treffend der Ort, an dem Leistung und Technologie der Valkyrie eine Form finden, in der Menschen tatsächlich komfortabel existieren können.
Der Motorwechsel: V6 zu V8
Als das Konzept 2019 erstmals gezeigt wurde, verfügte es über einen intern entwickelten maßgefertigten 3,0-Liter-V6-Biturbo. Dieser Motor sollte ein technisches Flaggschiff sein – ein neuer Aston-Martin-Antriebsstrang für die Mittelmotor-Ära.
Nach Managementwechseln (und engeren Bindungen an Mercedes-AMG) wurde dieser Motor jedoch gestrichen. Der Serien-Valhalla verwendet einen 4,0-Liter-Biturbo-Flachkurbel-V8.
- Herkunft: Basierend auf dem Motor des Mercedes-AMG GT Black Series, aber von Aston Martin stark modifiziert.
- Drehzahlbegrenzer: 7.200 U/min.
- Leistung: Der Motor produziert rund 740 PS.
Warum der AMG-Motor den maßgefertigten V6 ersetzte
Der Wechsel vom maßgefertigten V6 zum AMG-V8 war unter Enthusiasten umstritten, aber die Überlegung war solide. Die Entwicklung einer komplett neuen Motorenfamilie ist ein enorm teures Unterfangen – Ferrari und McLaren investieren dafür Milliarden über Jahrzehnte. Für Aston Martin war das notwendige Kapital und die Ingenieursressource zur Entwicklung eines neuen V6, neben dem Cosworth-V12 der Valkyrie, dem 5,2-Liter-Biturbo-V12 des DBS und dem laufenden Hybrid-Entwicklungsprogramm, schlicht nicht machbar.
Der AMG-Flachkurbel-V8 ist in seiner Spenderform ein außerordentlicher Motor – dasselbe Aggregat, das den AMG GT Black Series zum Nürburgring-Rundenrekord für Serienfahrzeuge antreibt. Aston Martins Modifikationen, darunter überarbeitete Turbolader, andere Einlassgeometrie und maßgefertigte Software-Kalibrierung, verändern seinen Charakter erheblich. Was im Valhalla ankommt, ist kein AMG-Produkt mit Aston-Martin-Abzeichen; es ist ein AMG-Grundlagenmotor, der zu etwas Eigenständigem im Charakter von Aston Martin entwickelt wurde.
Das Hybridsystem
Wie der SF90 ist der Valhalla ein PHEV (Plug-in-Hybrid).
- Motoren: Zwei Elektromotoren (einer an der Vorderachse, einer an der Hinterachse).
- Gesamtleistung: 937 PS und 1.000 Nm Drehmoment.
- Allradantrieb: Die Elektromotoren liefern Allradtraktion.
- Rückwärtsgang: Wie beim McLaren Artura und Ferrari SF90 gibt es keinen Rückwärtsgang im Getriebe. Die Elektromotoren drehen rückwärts, um das Auto zu rückwärts zu bewegen, was Gewicht spart.
- Elektrische Reichweite: Die Batterie bietet eine sinnvolle rein elektrische Reichweite für Manöver bei niedriger Geschwindigkeit und zum Aufladen, obwohl der Valhalla nicht für den längeren rein elektrischen Betrieb ausgelegt ist.
Die Integrierungsstrategie der Elektromotoren
Die Platzierung von Elektromotoren an der Vorderachse und parallel zum hinteren V8 schafft eine ausgefeilte Torque-Vectoring-Fähigkeit, die mit dem Verbrennungsmotor allein unmöglich wäre. Der vordere Elektromotor kann unabhängig Drehmoment auf die Vorderräder anwenden und bietet einen kontrollierbaren Allradantriebseffekt, der von „neutral und vorhersehbar” bis „das Auto aktiv in Kurven gieren” eingestellt werden kann.
Dies ist nicht nur eine Beschleunigungshilfe – es ist ein Handling-Werkzeug. Aston Martins und Red Bulls Ingenieure (Adrian Neweys Einfluss blieb in der konzeptionellen Phase des Valhalla präsent) stimmten das Verhalten des vorderen Elektromotors so ab, dass er das aerodynamische Gleichgewicht des Autos ergänzt und genau dann Vordertraktik bereitstellt, wenn die Aero-Abtriebsverteilung andernfalls leichtes Untersteuern erzeugen würde. Das Ergebnis ist ein Auto, dessen Handling ausgeglichener und einstellbarer wirkt, als seine Leistungszahlen vermuten lassen.
FlexFoil-Aerodynamik
Die interessanteste Technologie des Valhalla ist der FlexFoil-Heckflügel (entwickelt von FlexSys).
- Konzept: Traditionelle aktive Flügel kippen oder bewegen sich auf und ab. FlexFoil ist aus einem Material hergestellt, das seine Form verformen kann.
- Funktion: Die Carbon-Oberfläche biegt und dreht sich tatsächlich, um das Abtriebsprofil zu verändern, ohne die Luftwiderstand oder Turbulenzen einer Lücke oder eines Scharniers zu erzeugen. Es ist NASA-Technologie für ein Auto.
- Abtrieb: Das Auto erzeugt bei 240 km/h 600 kg Abtrieb.
FlexFoil: Die Technologie erklärt
Die FlexSys-FlexFoil-Technologie wurde ursprünglich für Luft- und Raumfahrtanwendungen entwickelt – speziell für variable Wölbungsflügeloberflächen bei Flugzeugen, bei denen die Beseitigung von Scharnieren und Lücken in der Flügeloberfläche Turbulenzen und Luftwiderstand reduziert. Das Prinzip ist, dass eine kontinuierliche Fläche ihr aerodynamisches Profil durch Biegen statt Schwenken verändern kann, wodurch laminarer Luftstrom über die gesamte Oberfläche aufrechterhalten wird.
Auf den Valhalla angewendet bedeutet das, dass der Heckflügel von einer geringen Luftwiderstandskonfiguration (minimaler Abtrieb, maximale Höchstgeschwindigkeit) zu einer hohen Abtriebskonfiguration wechseln kann, indem er buchstäblich die Form der Carbonoberfläche ändert. Das Fehlen von Scharnieren oder Drehpunkten, die konventionelle aktive Flügel benötigen, bedeutet, dass es keinen turbulenzerzeugendem Schritt im Luftstrom gibt, was die Hochabtriebskonfiguration aerodynamisch effizienter macht als ein konventioneller Flügel gleicher Größe es erreichen würde.
Die Technologie ist in Serien-Automobilanwendungen wirklich neuartig. Kein anderes Straßenfahrzeug verwendet morphende Oberflächenaerodynamik in diesem Ausmaß, was den Valhalla zu einem echten Ingenieurspionier in diesem spezifischen Bereich macht.
Fahrwerk und Aufhängung
- Wanne: Eine Carbon-Wanne bildet die Fahrgastzelle.
- Aufhängung: F1-artige Schubstangenaufhängung vorne und Mehrlenker hinten.
- Gewicht: Aston Martin strebt ein Trockengewicht von 1.550 kg an, was für ein komplexes Hybridsystem beeindruckend ist.
Die Carbonwanne ist das strukturelle Herzstück des Valhalla und bietet die Steifigkeitsgrundlage, auf der alle aerodynamischen und Aufhängungslasten verwaltet werden. Die Schubstangenaufhängung vorne platziert die Feder- und Dämpfereinheiten innenliegend vom Rad, weg vom aerodynamischen Strömungsfeld um die Vorderräder, und ermöglicht die Konfiguration des vorderen Aerodynamikbodens ohne Aufhängungskomponenten, die in den Unterbodenluftfluss eindringen.
Innenraum: F1-Ergonomie
Die Sitzposition ist „Füße hoch”, ähnlich einem Formel-1-Auto (wenn auch weniger extrem als bei der Valkyrie). Die Pedale und das Lenkrad bewegen sich auf den Fahrer zu, während der Sitz fest mit dem Fahrwerk verbunden bleibt. Dies hält die Fahrermasse so niedrig und zentral wie möglich.
Der Innenraum des Valhalla ist bewusst bewohnbarer als das klaustrophobische Cockpit der Valkyrie, behält aber eine fokussierte, fahrerzentrierte Qualität. Die Schnittstelle ist klar und zweckmäßig: ein digitales Instrumentendisplay, ein Lenkrad mit primären Bedienknöpfen und minimale Ablenkung von der Aufgabe des Fahrens. Klimaanlage, Infotainment und Konnektivität sind vorhanden, aber dem Fahrerlebnis untergeordnet.
Vergleich des Valhalla mit seinen Rivalen
Der Ferrari SF90 Stradale bleibt die offensichtliche Referenz. Der Ferrari entspricht der Leistungszahl des Valhalla fast genau (986 PS vs. 937 PS), bietet Allradantrieb durch eine ähnliche vordere Elektroanordnung und ist ähnlich bepreist. Der Ferrari hat den Vorteil, bereits verfügbar und aus einer größeren Produktionsskala zu sein; der Valhalla hat den Vorteil der FlexFoil-Aerodynamik, der von Red Bull beeinflussten Fahrwerksphilosophie und eines Charakters, der eindeutig, trotzig britisch ist.
Der McLaren Artura bietet eine weniger leistungsstarke, aber leichtere Alternative und betont die traditionellen McLaren-Tugenden präziser Lenkung und Fahrwerktransparenz gegenüber absoluter Leistung. Porsches 918 Spyder, obwohl älter, bleibt ein Referenzpunkt dafür, wie ein Hybrid-Hypercar gleichzeitig vernichtend schnell und wirklich angenehm zu fahren sein kann.
Produktion und Preisgestaltung
Der Valhalla wird in begrenzten Stückzahlen in Aston Martins Gaydon-Einrichtung produziert. Die Preisgestaltung positioniert ihn oberhalb des DB12 und DBS, aber unterhalb der Valkyrie, bei ungefähr 650.000 Pfund vor Steuern und Optionen. Jedes Auto wird durch das Q-by-Aston-Martin-Programm umfassend personalisiert, um sicherzustellen, dass keine zwei Serien-Valhallaes identisch sind.
Fazit
Der Valhalla beweist, dass Aston Martin es ernst meint, ein Mittelmotor-Supersportwagenhersteller zu werden. Er kombiniert die Brutalität eines AMG-V8 mit dem Fahrwerksgenie von Red Bull Racing und der aerodynamischen Innovation der FlexSys-Technologie. Er ist der täglich fahrbare Cousin der Valkyrie – ein Hypercar, das den Fahrer bittet, Können und Engagement mitzubringen, aber nicht verlangt, dass er professionell Rennen gefahren ist, um es zu genießen.
Mehr als jedes andere Einzelmodell vor ihm signalisiert der Valhalla, was Aston Martin im nächsten Kapitel seiner Geschichte sein möchte: nicht nur ein Hersteller schöner Grand Tourer, sondern eine echte Ingenieurs-Kraft an der Spitze der Straßenfahrzeug-Leistung.